00:02
Das ist Psychologie to go. Herzlich willkommen. Hey, bevor es heute losgeht, möchte ich explizit darauf hinweisen, dass wir über psychische und physische Gewalt in Partnerschaften sprechen. Wenn das heute nichts ist, was gut zu deiner Gesamtverfassung passt, dann skip eventuell diese Folge. Mein Name ist Franka Cirruti, ich bin Psychotherapeutin und jetzt geht's los. Heute habt ihr es mal nur mit mir zu tun und wir sprechen darüber, warum geht sie nicht einfach?
00:35
Warum ist da eine Person in einer offensichtlich sehr belastenden, schädigenden Beziehung und warum geht sie denn nicht einfach, diese Person? Dass das nicht so leicht ist, warum das nicht so leicht ist und wie wir uns als Betroffene, als Angehörige Personen oder auch als Fachmenschen, die mit so einem Fall konfrontiert sind, verhalten können. Darum soll es heute mal gehen. Und ich bin auf das Thema gekommen, weil ich einen Podcast gehört habe, wie so oft. Ich höre immer Podcasts.
01:06
In diesem speziellen Podcast ging es um die Geschichte von Alfred und Maura. Alfred ist ein ganz interessanter Typ. Er hat eine okkulte Bibliothek. Er beschäftigt sich mit Tarot. Also er hat so ein bisschen einen Hang zum Übersinnlichen und wie sagt man da? Spiritistischen. Und er hat auch eine Schule, in der er das weitergibt. Er ist vor kurzem Witwer geworden und betreibt diese Schule jetzt allein. Also eigentlich gibt er so Fernkurse, aber jedenfalls kommt er darüber in Kontakt mit Maura.
01:38
Maura ist also seine Schülerin und nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen, sie ist keine minderjährige Schülerin, sondern Maura ist auch schon um die 40, als sie sich beginnt so für Tarot und diese ganzen Sachen zu interessieren, die Alfred im Angebot hat. Aber Maura studiert auch noch Jura. Jetzt lernen die beiden sich kennen. Maura erzählt, dass sie nach dem Tod ihres Vaters und durch schwierige familiäre Umstände im Grunde sowas wie obdachlos ist und sich eigentlich auf ihr juristisches Examen vorbereiten möchte.
02:09
Und Alfred, der in einem großen Haus mit einer Einliegerwohnung jetzt alleine lebt nach dem Tod seiner Frau, bietet ihr an, dass sie die Erdgeschosswohnung mieten kann. Alfreds Familie, zu der er einen regen Kontakt hat, findet das auch eine gute Idee. Sie haben von Maura erstmal einen netten Eindruck und ist ja auch vielleicht schön zu wissen, dass ein älterer Angehöriger jemanden mit im Haus hat. Und was dann noch erschwerend hinzukommt, ist, dass dann durch die Pandemie es zu den Restriktionen kommt. Die Kontakte sind total eingeschränkt, man kann sich nicht mehr so besuchen und die Familie denkt zunächst, ach gut, dass der Alfred wenigstens die Maura hat.
02:46
Was dann aber leider der Familie viel zu lange verborgen bleibt oder immer nur so bruchstückhaft und so ein bisschen zeitversetzt zutage tritt, ist, dass Maura immer mehr die Kontrolle übernimmt. Maura geht plötzlich ans Telefon und behauptet, dass Alfred keine Lust hat, mit seiner Familie zu sprechen oder keine Zeit hat oder ganz grundsätzlich einzelne Leute auch nicht mehr sehen möchte. Also das bedeutet, sie beginnt in dieser schwierigen, durch die Pandemiebeschränkungen ohnehin sehr isolierten Zeit, Alfred noch mehr von seiner Familie und seinem gesamten Freundeskreis zu isolieren.
03:24
Sie benimmt sich Leuten gegenüber unmöglich, also teilweise brechen die dann den Kontakt ab und Alfred bekommt das aber alles gar nicht so mit. Und nicht nur das, sie übernimmt auch immer mehr Räume im Haus, sie bestimmt hinterher, wann und ob er Musik hören darf, sie bestimmt, wann gegessen wird, was gegessen wird, sie übernimmt seine Räume.
03:49
Sie schreibt in seinem Namen E-Mails, weil sie auch anscheinend in seinem Computer rumschnüffelt und auf alles plötzlich Zugriff hat. Und Alfred wird immer mehr verängstigt. Es kommt vor, dass er sich in seinem Schlafzimmer einschließt und verbarrikadiert, weil Maura irgendwie gruselig nachts an seinem Bett steht und die Situation spitzt sich immer mehr zu. Maura hat sich eingenistet in seinem Haus und, was ich besonders gemein finde, hinter seinem Rücken behauptet sie Nachbarn gegenüber, dass sie so etwas wäre wie seine Pflegerin, denn er wäre ja zunehmend ganz senil und dement und nicht mehr richtig zurechnungsfähig.
04:25
Und dieses Gerücht streut sie auch bei seinem Neffen. Dem kommt das alles ganz komisch vor, weil er von Alfred überhaupt keinen in irgendeiner Weise geistig eingeschränkten Eindruck hat. Und die ganze Situation passiert. Spitzt sich so zu, dass irgendwann Maura wirklich randaliert, Alfred verängstigt, sich im Badezimmer einschließt, seine Familie um Hilfe bittet und auch die Polizei einschaltet und erst da wird dann so nach und nach klar, was die ganze Zeit gelaufen ist. Maura wird verhaftet, sie wird auch verurteilt, sie bekommt eine Bewährungsstrafe und eine Geldstrafe und ein fünfjähriges Kontaktverbot.
05:04
Und jetzt könnte man ja sagen, klar, sie ist vielleicht eine Erbschleicherin und auf jeden Fall hat sie auch Sachbeschädigungen begangen. Aber worauf ich hinaus möchte mit dieser Podcast-Folge, sind diese psychologischen Elemente, die greifen, wenn zwei erwachsene Personen... wie auch immer eine Beziehung eingehen, sich eigentlich zugetan sind und dann gerät über die Dauer der Zeit und manchmal sehr schleichend und fast unbemerkt diese Beziehung in eine so erhebliche Asymmetrie, dass am Ende eine Person die andere fast vollständig kontrolliert.
05:41
Wir reden über die sogenannte coercive control. Coercive control ist ein Begriff, der im Deutschen, finde ich, nicht ganz glücklich übersetzt ist mit Zwangskontrolle. Und Zwangskontrolle klingt für mich deshalb ein bisschen schief, aber vielleicht bin das auch nur ich, weil es so klingt, als hätte die Person, von der die Kontrolle ausgeht, sowas wie eine Zwangsstörung, also als würde sie zwanghaft kontrollieren. In Wirklichkeit geht es aber nicht. Darum, dass von dieser kontrollierenden Person eben wirklich Nötigung und Zwang und Drohung und Bestrafung und alles Mögliche ausgeht.
06:17
Und ich finde den Begriff nicht so ganz glücklich. Also es geht um Beherrschen, es geht um Macht, es geht um Unterwerfung. Und die Person, die das macht, steht keineswegs unter einem Zwang, sondern sie übt massiven Zwang aus. Und das manchmal ganz subtil, manchmal... sehen genau diese kleinen Zwangsmaßnahmen sogar aus wie Fürsorge oder werden vom Umfeld gar nicht so genau wahrgenommen. Und deshalb finde ich das wichtig, dass wir heute darüber sprechen.
06:48
Es handelt sich um ein Muster, das sich in Beziehungen abbilden kann, das in England schon seit 2015 Strafbar ist Controlling or Coercive Behavior in an Intimate or Family Relationship. Das ist seit 2015 im Serious Crime Act vermerkt und der Strafrahmen ist bis zu fünf Jahre Haft und darüber hinaus können auch Geldstrafen verhängt werden. Und diese sogenannte Coercive Control, ich werde da gleich noch im Detail drauf eingehen, die kann man grob an vier Bedingungen betrachten.
07:25
Also erstens, Täter und Opfer sind persönlich verbunden. Das kann man jetzt bei Maura und Alfred natürlich diskutieren, weil eigentlich waren die nur Vermieter und Mieterinnen, sind die persönlich verbunden. Aber auf der anderen Seite sind sie über die Dauer der Zeit und durch die Pandemiebeschränkungen ja wirklich sozusagen auch gegen ihren Willen miteinander verbacken gewesen. Ich finde schon, dass man das als persönliche Verbindung benennen könnte.
07:54
Partner handelt oder Familienmitglieder oder Ex-Partner-Partnerinnen. Das ist die Bedingung Nummer eins. Zweitens, das Verhalten geschieht wiederholt oder fortlaufend. Also das heißt zu sagen, gib mir jetzt bitte mal deine Bankkarte, damit ich einkaufen gehen kann, ist nicht coercive control, sondern es geht schon um einen anhaltenden Prozess, in dem die Kontrolle immer umfassender wird. Drittens, es gibt eine gravierende Wirkung auf das Opfer und die Täterperson wusste oder hätte wissen müssen, dass es eben diese gravierende Wirkung gibt.
08:32
Und diese gravierende Wirkung besteht entweder darin, dass das Opfer fürchtet, dass Gewalt eingesetzt werden wird oder es erlebt ernsthafte Angst oder Belastung und fühlt sich im Alltag eingeschränkt. Und das ist das, was ich so interessant daran finde. Im deutschsprachigen Raum, zumindest meiner Kenntnis nach, sind Straftatbestände ja häufig sehr deliktgebunden. Also das heißt, etwas passiert, das strafbar ist und dann ist es auch juristisch verfolgbar.
09:06
Was jetzt hier seit 2015 in England greift, ist, dass ein ganzes Muster beobachtet wird, ein ganzes Verhaltensmuster, in dem noch nicht mal körperliche Gewalt nötig ist und trotzdem ist das strafbar. Und es ist so, dass die britische Regierung sogar ein sehr ausführliches Papier veröffentlicht hat, das genau diesen Straftatbestand der Coercive Control erklärt. Ich verlinke das in den Shownotes. Das ist zuletzt 2023 aktualisiert worden.
09:38
Und da drin stehen Fallbeispiele, Verhaltenslisten, wie man das erkennen kann, typische Täterstrategien. Und es soll eben Fachmenschen, aber auch Betroffenen, aber auch vielleicht Angehörigen, aber auch Polizeikräften verdeutlichen, dass das ein strafbares Verhalten ist. Und ich möchte diesen Gedanken unbedingt mal streuen. Ich halte das für eine ausgesprochen gute Idee und psychologisch auch absolut valide. Denn viele Opfer sind ja mit solchen Aussagen konfrontiert.
10:11
So ja, solange nicht wirklich was passiert ist, kann man auch nichts machen. Also jetzt von Seiten der Polizei oder so. Und ich finde, da muss ein Umdenken stattfinden. Also auch häusliche Gewalt wurde lange verstanden als so eine Art... übertriebener Wutausbruch oder sowas. Ein Streit und da gehören ja immer zwei dazu. Und dann ist eben einer ein bisschen mehr ausgerastet als der andere. Und nur, wenn eine Person der anderen Person dann auch wirklich richtig wehtut oder eine Verletzung vorliegt oder eine Bedrohung oder so, dann kann erst eingegriffen werden, wenn was passiert ist.
10:47
Und dieser Coercive Control Act dreht das sozusagen um, der sagt, das ist ein Muster, das baut sich über Monate, manchmal über Jahre auf und bereits dieses Muster kann strafrechtlich relevant sein, auch wenn niemandem körperlich wehgetan wird und wenn keine Gewalt vorliegt. Bei der Coercive Control und bei dem, was sich zwischen Partnern, Eltern, Kindern oder Vermietern und Mieterinnen abspielen kann, da geht es um Angst.
11:19
Es geht um Machtausübung und es geht sozusagen um diese unsichtbaren Ketten, die verhindern, dass eine Person sich aus dieser Beziehung mal ebenso locker befreien kann und einfach gehen kann, weil es nicht geht. Da ist zum Beispiel Eva. Eva hat seit einem Autounfall chronische Schmerzen und ist häufig auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotzdem erwartet ihr Partner, dass sie den Haushalt tadellos führt, dass sie kocht, dass sie einkauft, dass sie die Kinder versorgt ohne weitere Hilfen.
11:53
Und er hat dafür auch ganz spezielle Standards und Regeln. Und wenn Eva das nicht alles perfekt so befolgt, wie er das machen möchte, dann holt er ihr Rezept rein. Für Schmerzmittel einfach nicht ab aus der Apotheke oder er versteckt ihre Medikamente. Das heißt, sie bleibt mit stärksten Schmerzen zurück und manchmal ist es sogar so, dass wenn er den Eindruck hat, sie hat alles nicht ordnungsgemäß erledigt, dann nimmt er sogar ihren Rollstuhl mit zur Arbeit, also er tut den in seinen Kofferraum, nimmt den mit zur Arbeit und dann kann sie...
12:25
Das Haus nicht verlassen. Sie ist faktisch eingesperrt. Und indem er ihre Schmerzmittel und auch ihren Rollstuhl in seiner Hand hat, hat er natürlich auch in der Hand, wie es ihr geht. Teilweise hat sie so starke Schmerzen, dass sie sich nicht anziehen und nicht waschen kann. Und dann kommt da noch eine besonders unschöne Komponente hinzu. Er ist sehr abwertend. Was ihr Aussehen angeht und sagt ihr, dass er sie nur dann unterstützt, wenn sie sich ihm sexuell zur Verfügung stellt.
12:56
Und Eva hat das Gefühl, dass sie überhaupt keine Wahl hat. Sie ist immer abhängiger von ihm. Sie versucht, seine ganzen Regeln zu erfüllen. damit sie ihre Schmerzmedikation bekommt. Gleichzeitig ist sie natürlich auch wirtschaftlich abhängig, denn sie kann keiner geregelten Arbeit nachgehen und sie ist wirklich gefangen in dieser Beziehung. Das Ganze ist aufgeflogen über die Kinder. Zum Glück ist ein Sozialdienst aufmerksam geworden und als Eva dann einmal zu Hause besucht wurde, während ihr Partner arbeiten war, da konnte sie dann erzählen, was zu Hause los ist und ihr Partner wurde wegen Coercive Behavior angeklagt.
13:34
Dieser Fall ist entnommen eben aus diesem Regierungspapier. Das und andere Fälle kann man darin nachlesen. Und der zeigt eben dieses System, das der Partner aufgebaut hatte, aus Bestrafung, aber auch aus der Berechtigung, die er sich selber gegeben hat, Regeln aufzustellen und Standards aufzustellen. Es zeigt die Ausbeutung, auch die sexuelle Ausbeutung und es zeigt die erzwungene Abhängigkeit von Eva in dieser Situation. Und außerdem habe ich jetzt diesen Fall ausgewählt, weil er ja auch nochmal zeigt, dass so etwas wie Behinderung oder Pflegebedürftigkeit das Problem natürlich auch noch verschärft.
14:13
Also das Vorenthalten von Medikation oder Hilfestellung oder Hilfsmitteln, das Verhindern von Arztterminen, aber auch die Drohung, dass wenn man nicht spurt, man irgendwie in ein Heim eingewiesen werden wird. Oder dass man für verrückt erklärt werden wird. Das sind relativ typische Taktiken, die Täter anwenden. Gerade Menschen mit Behinderungen, älteren Menschen oder psychisch belasteten Menschen gegenüber. Und mir ist das wichtig. hier auch ein ganz breites Spektrum aufzuzeigen.
14:45
Deshalb bin ich auch mit dem 80-Jährigen Alfred eingestiegen als Opfer von Coercive Control. Wir denken ja häufig, wenn wir so unter dem Schlagwort toxische Beziehungen irgendwas hören, an eine junge Frau, die Opfer von ihrem männlichen Partner ist. Aber Coercive Control kann in verschiedensten Konstellationen vorkommen. Und insbesondere in irgendeiner Art und Weise marginalisierte Gruppen sind ganz arg gefährdet. Also auch wenn es um so etwas geht wie Aufenthaltsstatus und so weiter.
15:16
Also alles, was Täter nutzen können, um Kontrolle auszuüben, das machen sie dann halt auch manchmal. Und da ich ja gerade schon gesagt hatte, der Fall von Eva, der es da in dieses Regierungspapier geschafft hat, der wurde durch die Kinder aufgedeckt. Kinder haben in diesem Kontext noch eine ganz, ganz besondere Rolle, die auch häufig zu wenig besprochen wird, weil sie manchmal in dieses Geflecht, dieser asymmetrischen Kontrollausübung mit reingezogen werden. Sie werden instrumentalisiert, sie sollen kontrollieren, mit wem die Mama oder der Papa spricht.
15:51
Also sie sollen mit überwachen und werden einerseits zum Instrument, aber auf der anderen Seite sind sie natürlich auch Opfer in solchen Beziehungen, in denen sie eben diese häusliche Gewalt oder häusliche Unterdrückung erleben. Also wenn das die Umgebung der Kindheit ist, wenn das die Erziehungsumgebung für Kinder ist, wenn Kinder miterleben müssen, wie ein Elternteil das andere Elternteil unterjocht und manchmal geht das ja, selbst wenn eine Trennung geglückt ist, noch weit darüber hinaus, dann kann man sich ja vorstellen, dass das eben auch bei den Kindern ganz bleibende dauerhafte Schäden hinterlässt und dass sie da wirklich auch als eigenständige Opfer zu verstehen sind in diesem ganzen Zwangsmachtgefälle.
16:37
Und ich habe ja jetzt diese Folge genannt, ja warum geht sie nicht einfach? Weil das eine Frage ist, die man immer noch und immer noch viel zu häufig hört und die mich ehrlicherweise auch wahnsinnig ärgert, weil es psychologisch gesehen natürlich tausend Gründe gibt, warum Menschen, Personen sich aus solchen Beziehungen eben nicht ganz einfach befreien können. Ein psychologischer Mechanismus ist zum Beispiel die sogenannte intermittierende Verstärkung. Also man muss sich vorstellen, dass ja Beziehungen, auch Beziehungen, in denen Coercive Control ausgeübt wird, nicht durchgehend schrecklich sind, sondern es gibt ja immer auch Phasen, wo der Partner oder die Partnerin von denen auch Kontrolle ausgeht, aber trotzdem auch manchmal sehr zugewandt ist, sehr lieb, sehr freundlich.
17:23
Dann zeigt die kontrollierende Person plötzlich Reue und es tut ihr leid und sie zeigt sich verletzlich. Und dann ist man sich ganz nah. Und häufig bekommt die kontrollierte Person dann auch den Eindruck, es mit einer sehr versehrten, vielleicht auch selbst traumatisierten Person zu tun zu haben, die selber Verständnis braucht, Dann springt vielleicht sowas an wie ich kann diese Person retten oder meine Liebe wird das heilen. Und das sind so die kleinen Phasen, wo es sich gut anfühlt, zusammen zu sein.
17:54
Und die wechseln sich aber ab, intermittierend, das heißt unregelmäßig und unvorhersehbar mit Phasen von Kontrolle und Abwertung und manchmal sogar Gewalt. Und wir wissen aus der Verhaltenstherapie, dass diese sogenannte intermittierende Verstärkung, also dass man schon was Schönes erlebt, was Gutes erlebt, was Bindendes erlebt, aber eben unberechenbar, dass genau das zu einer ziemlich löschungsresistenten Bindung führt, sage ich jetzt mal.
18:24
Das ist wirklich tragisch. Also das bedeutet letztlich, dass die Hoffnung auf Eine gute Phase auf einen schönen Moment, die Hoffnung, dass man irgendwann mal alles richtig und alles gut gemacht hat und dann hat man mal wieder einen tollen Abend zusammen. Die Hoffnung darauf bindet Menschen scheinbar stärker, als wenn jemand verlässlich, freundlich, zugewandt, respektvoll ist. Das ist total tragisch und wir müssen das auch an uns selber erkennen und wissen, dass wir da anfällig sind, weil es halt etwas ist, was dazu beiträgt, dass wir in wahnsinnig ungesunden Beziehungen bleiben bzw. Merkmale schon am Anfang nicht gut erkennen können.
19:06
Und ein zweiter Mechanismus, jetzt wiederum aus meiner Sicht als Verhaltenstherapeutin gesprochen, ist ganz klar negative Verstärkung und Vermeidungslernen. Also das heißt, wenn ich merke, mein Partner oder meine Partnerin reagiert immer angespannt, wenn ich mich zum Beispiel mit Bekannten treffen möchte, dann kommt es zu Eiseskälte, dann werde ich mit Schweigen bestraft, dann gibt es Streit und ich lerne, Okay, das kann ich ja verhindern, indem ich mich einfach an die Wünsche anpasse.
19:38
Ich sage also das Treffen mit den Bekannten ab, dann bleibt der Abend friedlich. Also negative Verstärkung bedeutet in dem Fall, dass wenn ich durch ein Verhalten schaffe, etwas Negatives abzuwenden, verstärkt das das Verhalten. In dem Fall das Absagen.
19:56
Meiner treffen außerhalb der Beziehung. Und das Problem ist aber natürlich, dass wenn man ganz viel Anpassung dann macht, um nicht ständig Streit oder schlechte Stimmung ertragen zu müssen, schrumpft natürlich der eigene Handlungsspielraum. Und das wiederum passiert manchmal in so kleinen Schritten, dass man das selber so kaum mitbekommt. Also wo man vielleicht vor drei Jahren noch gesagt hätte, natürlich treffe ich mich mit meinen Freundinnen oder natürlich mache ich Urlaub mit meinen Freundinnen, kann das sein, dass das über die Dauer der Zeit komplett undenkbar geworden ist und dass es inzwischen Normalität ist, dass man natürlich keinen Schritt mehr vors Haus geht ohne den Partner oder die Partnerin.
20:37
Das ist so ein bisschen diese Salamischeibchentaktik, wenn man einmal irgendwo eine Grenze hat aufweichen lassen oder irgendwo eine Zusage gemacht hat, auch wenn die nur halbgar war oder wenn man nur dachte, ach komm, nur damit Ruhe ist, dann ist das der neue Standard und dann verschieben sich die Bezugsgrößen immer mehr und man lässt sich da immer mehr einschränken.
20:59
Dann möchte ich noch einen Begriff reinwerfen, auch etwas, was Täter und Täterinnen häufig nutzen, ist das sogenannte Gaslighting. Darüber habe ich schon mal eine extra Folge gemacht. Es geht letztlich darum, dass der Glaube an die eigene Wahrnehmung einschließlich der eigenen Sinneswahrnehmung gestört wird. Also wer immer wieder gesagt bekommt, das wurde so nie gesagt, das bildest du dir ein, du bist zu empfindlich, der beginnt irgendwann wirklich seiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
21:30
Und wer seiner eigenen Wahrnehmung misstraut und vielleicht schon so weit von anderen Leuten isoliert wurde, dass auch kein Feedback mehr von außen kommt, der kann nicht mehr gut beurteilen, ob das, was er jetzt gerade erlebt, wirklich noch normal ist oder okay ist oder vielleicht auch nicht. Das heißt, die Deutung, was passiert ist, ob das schlimm war, was passiert ist, ob man das selber verursacht hat, was passiert ist, liegt nur noch bei der kontrollierenden Person. Und dass man selber als Opfer vielleicht auch, ich sage das jetzt mal so flapsig, nicht mehr alle hat, ist ein Narrativ, das die kontrollierenden Personen häufig auch begünstigen.
22:06
Also Mora zum Beispiel hat ja im näheren Umfeld bei den Nachbarn gestreut, der Alfred wäre jetzt so langsam ein bisschen debil und senil. Also die Glaubwürdigkeit auch zu unterminieren. Und auch das habe ich in der Praxis tatsächlich schon erlebt, dass unfairerweise gerade die Menschen, die sich Hilfe suchen, weil sie zum Beispiel eine Angststörung haben oder eine Depression haben, in partnerschaftlichen Kontexten das vorgeworfen bekommen, dass sie damit auch bedroht werden, so nach dem Motto, wir wissen doch beide, wer hier psychisch nicht ganz auf der Höhe ist und uns ist doch beiden klar, dass du einen am Sträußchen hast, also kannst du auch nicht beurteilen, was hier richtig ist, was valide ist oder noch schlimmer, es wird aktiv in so eine Bedrohungskulisse eingebaut, so nach dem Motto, solltest du jemals auf die ganz verrückte Idee kommen, ohne mich klarkommen zu können und mich verlassen zu wollen, weißt du ja, dass du die Kinder nie wiedersehen wirst, weil dass du psychisch krank bist, ist ja sogar aktenkundig und dann lasse ich dich einweisen.
23:03
Also diese Art von Angriff auf die eigene Wahrnehmung, auf die eigene Beurteilung von Situationen ist absolut typisch. Und richtig tragisch daran ist eben auch so ein bisschen die Selbstbeschuldigung, die viele Opfer in solchen Situationen haben, die dann wirklich glauben oder dazu gebracht wurden zu glauben, hätte ich mich bloß richtig verhalten, also richtig in Anführungsstrichen, hätte ich doch bloß den Haushalt gemacht wie gewünscht, hätte ich mich doch so angezogen wie gewünscht, hätte ich dies und jenes gemacht und dafür das und jenes nicht gemacht, dann wäre ja alles friedlich und gut gelaufen.
23:42
Das überlässt einem noch so ein bisschen eine Illusion, als hätte man ja Kontrolle, als hätte man ja in der Hand, ob die Beziehung gut läuft oder nicht gut läuft. Und das ermöglicht Tätern und Täterinnen natürlich auch jeweils zu sagen, guck, du hast mich ja dazu gebracht. Schau, wir haben hier diese Regel, in Klammern, die nur von mir ausging, aber dennoch ist es eine Regel und du musst doch einfach nur alles richtig machen, dann haben wir keinen Stress. Das ist ganz, ganz perfide.
24:09
Noch etwas, was in diesen Beziehungen häufig eine Rolle spielt, ist die versunkene Kostenfalle. Sunken Cost Fallacy. Ganz viele Menschen haben klar, so wie in vielen Erwachsenenbeziehungen, sehr viel im weitesten Sinne investiert. Zeit in Form von vielen Jahren, aber auch Geld, indem man zum Beispiel einen gemeinsamen Kredit aufgenommen hat oder indem auch zum Beispiel das Opfer der Coercive Control Schulden geschultert hat, um die andere Person zu unterstützen. Man hat vielleicht eine gemeinsame Familie, also man hat Zeit, Geld, Gefühle, Ressourcen, alles mögliche investiert und sehr viele Menschen tragischerweise kleben dann daran, dass sie sagen, nee, das kann ja nicht alles umsonst gewesen sein.
24:54
Jetzt habe ich so viel dafür getan, ich kann nicht einfach gehen, weil dann wäre dieser ganze Aufwand, dieses ganze Reingeben in diese Beziehung ja umsonst gewesen. Und dann geben sie sich der Illusion hin, dass etwas, wo sie jetzt schon vielleicht jahrelang im Grunde sich aufgerieben haben und geblutet haben und... über Gebühr beansprucht wurden, dass ich das irgendwann sowas wie auszahlen würde in einer gerechten Welt. Das wird natürlich nicht der Fall sein.
25:25
Aber so wird das Argument, dass man bestimmte ungute Beziehungen schon jahrelang ertragen hat, zum Argument, warum man es auch deshalb jahrelang weiter ertragen sollte. Was natürlich einer näheren Prüfung gedanklich überhaupt nicht standhält, aber so funktionieren ganz viele Menschen. Das ist die Sunken Cost Fallacy.
25:46
Noch ein Konzept, das aus psychologischer Sicht greift und das ist die erlernte Hilflosigkeit. Wer wiederholt die Erfahrung gemacht hat, dass das eigene Verhalten sich nicht günstig auswirkt, keine guten Konsequenzen hat, der stellt irgendwann auch jede Art von Bewältigungsversuch oder Gewalt Auch Fluchtversuch oder sowas vielleicht ein. Aus der Erfahrung heraus, wenn ich mich wehre, wird es immer schlimmer.
26:18
Das gibt es und das sind dann Menschen, die wirklich in dieser Rolle als Opfer einer solchen Dynamik sehr gefangen sind. die irgendwann ganz passiv erstarrt sind und das über sich ergehen lassen. Man muss aber sagen, dass die meisten Betroffenen in solchen Beziehungsdynamiken nicht so passiv sind, sondern man muss sagen, dass sie schon versuchen, sehr aktiv zu bewältigen, was da gerade passiert. Also viele suchen schon Hilfe. Sie versuchen, ihre Kinder zu schützen.
26:48
Sie versuchen zu taktieren. Und zu planen und es ist nicht, dass die nicht daraus wollen, sondern viele scheitern daran, dass es einfach kein gutes Hilfesystem gibt oder dass, wenn sie auf ihre Situation aufmerksam machen und wenn sie aktiv um Hilfe bitten, es dann, wie eingangs schon gesagt, häufig heißt, na solange der wirklich sie nicht schlägt oder solange sie keine Verletzung davontragen, können wir gar nichts machen. Das heißt, Menschen in solchen Dynamiken leben. setzen sich ganz oft nicht passiv dahin und lassen das über sich ergehen, sondern sie scheitern daran, dass es kein leicht ansprechbares Hilfesystem gibt und zumindest auch im deutschen Gesetz verankert eben nicht so etwas wie coercive control als strafbares Beziehungsmuster, sondern dass wir immer noch dieser punktuellen Deliktdenke anhängen.
27:39
Noch eine psychologische Ebene, die jetzt eher bindungspsychologisch zu verstehen ist, greift in Beziehungen, die von coercive control geprägt sind. Wenn wir uns an einen Menschen binden, wenn wir Nähe suchen, wenn das eine Person ist, die wir lieben und mit der wir ein Leben aufgebaut haben, dann ist diese Person, Person, genau die Person, die wir ja bei einer Bedrohung aufsuchen würden, von der wir uns Schutz erhoffen, von der wir uns Beistand, Solidarität, Rückendeckung, Trost und all das erhoffen.
28:13
Das ist unsere Bindungsperson. Und da entsteht natürlich ein Paradox, wenn genau diese Person die ist, die gleichzeitig Angst erzeugt, Druck ausübt. Und das läuft manchmal sehr subtil, manchmal auch gar nicht so sehr. Also ich erinnere mich an eine Patientin, deren Partner sie ganz schlimm, unwürdig behandelt hat, degradiert hat.
28:41
Ihr Äußeres stark abgewertet und unterm Strich lief die Dynamik so, dass er sie stundenlang fertig gemacht hat, was für eine unwürdige Person sie ist, wie hässlich sie ist, dass sie sich kaum aus dem Haus trauen sollte und so weiter. Und wenn sie dann so richtig am Boden war, richtig verzweifelt, richtig traurig, dann hat er das irgendwie so gedreht und gesagt, naja, aber guck mal zum Glück, du hast ja mich. Ich werde immer an deiner Seite sein. Ich bin für dich da. Na komm mal her, mein kleines hässliches Entlein.
29:12
Ich sehe doch auch das Schöne in dir. Und das ist genau ein Spiel mit dieser Paradoxie, wenn die Bindungsfigur gleichzeitig eigentlich die Quelle für die Bedrohung und den Angriff ist. Das kriegt man psychologisch häufig nicht gut auseinandergedröselt und das ist wichtig zu wissen, dass es sowas gibt.
29:32
Und richtig schlimm wird es, wenn noch eine Ebene hinzukommt, nämlich wenn sich vielleicht diese Art von Beziehung sogar vertraut anfühlt, weil man das eventuell aus seiner Biografie kennt, weil man das eventuell im Elternhaus bei den Bezugspersonen so ähnlich gesehen hat, wenn alte Schemata greifen von Unterwerfung, von Selbstaufopferung, wenn viel mit Scham und Unzulänglichkeitserleben einhergeht. Und da schließt sich der Kreis.
30:02
Ich hatte ja gerade schon gesagt, dass Kinder, die in solchen Dynamiken groß werden, auch als Opfer zu betrachten sind, weil das Kinder sind, die das mit hoher Wahrscheinlichkeit mitnehmen in ihre eigenen späteren erwachsenen romantischen Beziehungen.
30:18
Und das Ganze funktioniert deshalb häufig so gut, was ich jetzt nicht meine positiv, sondern es funktioniert einfach, weil häufig die Person, von der die Kontrolle ausgeht, das hatte ich schon gesagt, ganz viel mit Isolation arbeitet. Also das heißt, andere Sozialkontakte, Freundschaften, Familienkontakte werden sabotiert, werden madig gemacht, die Kontakte werden umgedeutet oder werden irgendwie... die redet auch nur mit dir, weil die dich ausnutzen will.
30:50
Oder guck mal, der meldet sich immer nur, wenn er was will und ist eigentlich eine ganz falsche Person. Das heißt, alle anderen Personen werden schlecht gemacht, während die kontrollierende Person zunächst von sich selber das Bild kreiert, die einzig verständnisvolle, hilfsbereite, charmante, präsente Person zu sein. Und ganz häufig mit dem Twist, Die alle wollen uns auseinanderbringen. Die sind uns nicht wohlgesonnen. Die wollen nicht dein Bestes, sondern die wollen dich für sich allein haben.
31:23
Deshalb sabotieren die unsere Partnerschaft. Und wenn dann tatsächlich irgendwann vom Umfeld, von der Familie, von Freundinnen, von Nachbarn irgendwie so Signale kommen wie... Hey, bist du sicher, dass das gut für dich ist? Bist du sicher, dass das die Beziehung ist, die du willst? Bist du sicher, dass du nicht vielleicht gehen solltest? Dann ist dadurch die Kontroll ausübende Person natürlich bestätigt. Siehst du, ich habe es dir gesagt, die wollen uns auseinanderbringen. Das sind schlechte Menschen und ich hatte recht. Und je weiter die Isolierung geht, je weiter die Kontrolle geht, greift natürlich dann auch die Überzeugung, du schaffst es sowieso nicht ohne mich, du hast gar nicht genug Geld, du hast gar nicht genug Kontakte, du hast niemanden, der dir hilft und du hast auch niemanden, der dir glaubt.
32:05
Das alles passiert nicht über Nacht.
32:08
Sondern das geht nach und nach. Und wenn in so einer Situation ein außenstehender Mensch mit wenig Einblick in diese Beziehungsdynamik sagt, ja warum geht die Person nicht einfach, ist hoffentlich inzwischen klar geworden, dass es eben so gar nicht geht.
32:39
In dieser Beziehung zu bleiben kann, auch wenn das komisch klingt und von außen seltsam aussieht, das kleinere Übel sein. Es kann eine Art Risikomanagement sein. Also lieber bleibt man bei dieser kontrollierenden Person und hat sie im Blick, als dass man geht und hat sie plötzlich im Rücken.
33:01
Wenn es zu Tötungsdelikten in partnerschaftlichen Kontexten kommt, ist das häufig in dem Moment, in dem Trennung im Raum steht oder die Beziehung ganz kurz zuvor beendet worden ist. Und viele Menschen, die unter dieser ausgeübten Kontrolle leiden, ahnen, dass die Trennung ihre Situation vielleicht nicht wirklich verbessert. Sie müssen viel in Kauf nehmen. Sie stürzen häufig in absolute Armut. Sie haben kein soziales Netzwerk. Und dann ist schon absehbar, dass sie es mit einer anderen Art von Eskalation zu tun bekommen, nämlich dass sie gestalkt werden, dass sie in zermürbende Gerichtsverfahren reingezogen werden, dass sie bei Behörden angezeigt werden, dass die Kinder manipuliert werden, dass sie keine Unterhaltszahlungen bekommen werden, dass sie als psychisch krank oder süchtig dargestellt werden.
33:49
Also alles, was auch jetzt so unter dem Stichwort Nachtrennungsgewalt läuft, sehen diese Menschen ja schon auf sich zukommen. Also nochmal, die Frage, ja warum geht sie denn nicht einfach, unterstellt natürlich, dass zu gehen eine sichere Option wäre. Aber das stimmt eben häufig nicht und das wissen die Betroffenen ganz genau.
34:11
Der Begriff coercive control geht auf Evan Stark zurück. Der war Soziologe und Mitbegründer der ersten Frauenhäuser in den USA. Und er hat damals schon bemerkt, dass häusliche Gewalt oder solche Dynamiken, wie ich sie jetzt beschrieben habe, eben immer gedacht wurden wie so eine Art Aufschaukelungsprozess. Und dann passiert was und das ist dann die Straftat. Also der Gewaltausbruch, die blauen Flecken.
34:40
ist das die Straftat. Und Evan Stark hat aber damals schon, 2007 gesagt, naja, das ist aber ein bisschen zu kurz gedacht, weil wenn jemandem systematisch die Freiheit entzogen wird, keine Autonomie mehr möglich ist, die Würde unterminiert wird, dann ist das auch schon ein Verbrechen. Das ist wie geiselhaft. Du wirst isoliert, du bekommst keine Unterstützung oder Unterstützung nur, wenn du so funktionierst, wie die andere Person das will. Du wirst überwacht, du wirst mikroreguliert, das heißt die Kleidung, die du tragen darfst, das Essen, das du essen darfst, wann und wie viel du schläfst, deine Sexualität, deine Arbeit, dein Bewegungsradius, welche Ressourcen dir zur Verfügung stehen.
35:24
All das ist in der Kontrolle einer anderen Person. Darüber hinaus wirst du vielleicht gedemütigt, eingeschüchtert und erlebst körperliche Gewalt oder die Androhung von körperlicher Gewalt. All das ist doch auch schon nicht. Okay, und mir ist das wichtig, das mal so klar zu benennen, dass solche asymmetrischen Machtstrukturen nach meinem Dafürhalten nicht ausreichend, auch strafrechtlich nicht ausreichend erfasst sind.
35:55
Und was ich besonders perfide finde, ist ja, dass einzelne dieser Verhaltensweisen, also wenn man sie nur punktuell betrachtet, ja sogar aussehen können wie Fürsorge. Also zum Beispiel, wenn die eine Person komplett die Finanzen übernimmt, die Bankkarten hält und als Einzige auch die Passwörter kennt, damit die andere Person sich gar keinen Kopf machen muss. Dann kann man ja verleitet sein, zu denken, ach ja, nett, ja, ich bin ja auch ein bisschen schusselig, nö, okay, cool. Und dann fängt die Person an, die andere Person auch überall hinzufahren und immer zu begleiten, damit ihr nichts passiert.
36:29
Oh, okay, cool, ja, ich fahre ja sowieso nicht so gerne Auto. Und dann möchte sie die Standortfreigabe haben von den Handys, also einfach aus Sorge. damit man immer weiß, wo man ist oder begleitet die Person zu jedem Arzttermin. Und nochmal, jedes davon kann nett und fürsorglich aussehen und kann auch tatsächlich nett und fürsorglich sein. Wir haben zum Beispiel in der ganzen Familie alle unsere Standortfreigabe an und es ist absolut üblich, dass einer meiner Söhne mir schreibt, na Mama, bist du gerade ein Eis essen?
37:06
Weil er es gesehen hat im Handy. Wenn das kein Problem ist und alle freiwillig und gerne da mitmachen und man einfach dadurch eine Verbindung spürt, ist das kein Problem. Aber ist das so? Und innerhalb welchen Kontextes tritt das auf? Und ist es eine freiwillige Standortfreigabe oder kommt dann sowas dazu, dass man irgendwelche Ortungschips findet, ans Auto geklebt? Stalkerware, was weiß ich, Kameraüberwachung. Also in diesem britischen Papier über die Coercive Control ist die neuerdings mögliche technologiegestützte Kontrolle eine eigene Kategorie.
37:47
Und das ist eben so ein bisschen tricky. Jede Handlung kann als Fürsorge in einer liebevollen Beziehung auf Augenhöhe vorkommen. Der Unterschied liegt aber darin, Ob man eine Wahlfreiheit hat, ob es in ein gesamtes Bild von Kontrolle eingebettet ist und ob man auch Nein sagen darf, ohne dass es Konsequenzen hat. Da muss man manchmal genau hinschauen, ob wir hier wirklich noch über Fürsorge sprechen oder über Kontrolle.
38:16
Und jetzt möchte ich noch auf etwas zu sprechen kommen, was mich in der Praxis mehr als nur einmal wirklich beschäftigt hat, wenn ich mit Opfern von Coercive Control zu tun hatte. Und zwar ist es so, dass wenn das Ausmaß an Kontrolle und Einengung und Überwachung und Regeln und so weiter ein bestimmtes Maß erreicht, dann werden die Opfer häufig selber laut oder aggressiv Werfen mit Tassen, Schreien werden in Anführungsstrichen hysterisch, was man sich ja total vorstellen kann.
38:53
Also jemand, der dauerhaft unter Anspannung steht, überreguliert wird, gesagt bekommt, welche Kleidung er tragen darf, was er essen darf, alles kontrolliert bekommt und sich dabei ohnmächtig und hilflos fühlt, dass diese Person irgendwann auch mal mit einer Art Ausbruch reagiert.
39:14
Finde ich total nachvollziehbar. Das Fatale ist aber, was dann häufig umgehend passiert ist, dass die kontrollierende Person genau in dem Moment zum Beispiel die Polizei ruft und dann treffen die Einsatzkräfte auf eine aufgelöste, schreiende, zitternde Person in einer verwüsteten Wohnung. Und einen sehr ruhigen, kontrollierten, eloquenten anderen Menschen, der versichert, ich habe sie nie angerührt, sie dreht hier durch.
39:48
Das heißt, dass die eigentlich unterdrückte Person in der Wahrnehmung jetzt dann zum Beispiel der Polizei oder der Einsatzkräfte, aussieht wie die Verursacherin des Chaos, weil sie halt geschlagen und Dinge zertrümmert hat und ausgerastet ist. Während die Person, die eigentlich der Täter ist, sich ruhig beherrscht inszeniert. Manchmal sogar so als selber ganz verzweifeltes Opfer, so meine Güte, ich weiß gar nicht, was mit der anderen Person los ist. Sie sehen ja, wie die drauf ist und sich selber zum Opfer macht.
40:22
Die britische Polizei wird ausdrücklich geschult, solche Geschichten von beiden Seiten getrennt zu überprüfen und zu versuchen rauszufinden, wer hier wirklich der primäre Aggressor ist. Weil nicht die Person, die gerade am lautesten schreit, ist automatisch die Täterperson. Gerade nicht in solchen Konstellationen. Und ich habe es wirklich als Psychotherapeutin auch erlebt, dass Menschen in solchen Beziehungskonstellationen perfider Weise dann auch noch von ihrem Partner oder ihrer Partnerin, von der diese koersive Gewalt ausgeht, zu mir in die Praxis gebracht werden.
40:59
So nach dem Motto, ja, ist immer so angespannt, immer so nervös. Bitte kriegen Sie die mal wieder parat, sonst muss die wirklich in die Klinik. Und teilweise glauben die Opfer das sogar selbst. Sie glauben selber, dass diese Art Ausbrüche ein Zeichen dafür sind, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, denn die Täterperson ist ja immer so ruhig und so gelassen und so eloquent, redegewandt, kann auch immer alles so gut erklären, gerne auch mit therapeutischen Vokabeln.
41:27
Weniger als 10 Prozent von Gewalterfahrungen werden zumindest in Deutschland überhaupt angezeigt. Es war eine große Dunkelfeldstudie vom BKA und Familienministerium und damit meine ich jetzt wirklich Gewalt, also Körperverletzung. Nur 10 Prozent. Wenn wir jetzt über diese Form von psychischer Gewalt sprechen, kann man sich ja denken, dass das erst recht nicht irgendwo angezeigt wird, wo auch, wie auch, weil wir ja immer noch im deutschsprachigen Raum eben so sehr, sehr deliktbezogen, wenn überhaupt, agieren.
42:03
Von Zwangsgewalt oder Coercive Control sind Männer wie auch Frauen betroffen. Man muss allerdings klar sagen, dass Frauen, wenn die Coercive Control auch körperlich gewalttätig ist, mehr Verletzungen erleiden, stärkere Angst haben, zu Recht umzugehen. Und auch das Gefühl haben, dass wirklich ihr Leben in Gefahr ist. Also da bleibt auch im Hellfeld, also in dem, was polizeilich wirklich erfasst ist, die Asymmetrie massiv.
42:35
Die Opfer sind ganz überwiegend Frauen, wenn wir über die gewalttätigen und die tödlichen Ausprägungen sprechen.
42:43
Jetzt habe ich das britische System schon so gelobt und habe gesagt, das ist doch super, dass es vor allen Dingen auch diese Handreichung gibt, dieses Paper, wo man sich genau erklären lassen kann, was das ist, wie das aussieht, wie man das erkennen kann und so weiter. Man muss aber trotzdem sagen, dass trotz gestiegenen Bewusstseins nur ein Bruchteil der Fälle, die jetzt angezeigt wird, dann wirklich zu einer Anklage führt. Häufig, und genau das kennen wir aus diesem Bereich leider nur zu gut, weil das Opfer irgendwann die Mitwirkung zurückzieht.
43:14
Also vielleicht, weil wieder Druck ausgeübt wird, weil sie eingeschüchtert wird oder weil sie wieder Hoffnung auf Versöhnung hat. Also es bleibt schwierig. Und außerdem ist natürlich die Beweisführung total schwierig für solche Muster.
43:27
Und was man sich ja auch vorstellen kann, gerade im juristischen Feld tummeln sich Menschen, die das für sich nutzen, die Ex-Partnerinnen oder Ex-Partner in unsägliche Prozesse hineinziehen und im Grunde das Strafgesetz dann wiederum zum Werkzeug für ihre Coercive Control machen. Also es ist echt nicht leicht. Ich finde, wir haben da in Deutschland klar eine Lücke, aber mir ist bewusst, dass das auch nicht ganz trivial ist, das überhaupt in ein Gesetz zu gießen, beziehungsweise dass das dann auch Menschen wirklich hilft.
44:02
Am Ende sind es wahrscheinlich die Ressourcen, die Aufklärung und dass wir zumindest mal in der breiten Öffentlichkeit aufhören, so dummes Zeug zu erzählen wie, ja, bei so Konflikten gehören ja immer zwei dazu. Nein, in solchen Beziehungen wirklich überhaupt nicht. Und indem wir Opfern dann auch noch einen Vorwurf machen, ja warum gehst du denn nicht einfach? Ja, weil es nicht einfach ist. Es gibt so ein paar interessante Fragen, die man sich ja vielleicht selber mal stellen kann, um mal einen Blick darauf zu werfen, wie gesund die eigene Beziehung eigentlich ist.
44:36
Und die erste Frage wäre in meinen Augen, ist mein Leben durch diese Beziehung größer oder kleiner geworden? Größer im Sinne von vielleicht reicher, lebendiger, bin ich mehr die Person geworden, die ich eigentlich sein will, habe ich Halt und kleiner im Sinne von werde ich festgehalten, werde ich eingeschränkt, ist mein Radius kleiner geworden, wird meine Vitalität eingegrenzt. Außerdem kann man sich fragen, kann ich Alltagsentscheidungen über mein Geld, meine Kleidung, mein Aussehen, meine Kontakte, meine Wege, kann ich die frei treffen, diese Entscheidungen?
45:16
Oder beginne ich vorher schon durchzurechnen, was es mich auf der Beziehungsebene kosten wird? Werde ich das rechtfertigen müssen? Werde ich streiten müssen? Werde ich bestraft werden? Gibt es Regeln, die vielleicht nie besprochen wurden, die ich aber trotzdem verinnerlicht habe, die weiß ich, was geht und was nicht geht und habe Angst vor der Reaktion meiner Partnerperson und richte mein Verhalten danach aus. Ehrlicherweise kann man sich auch fragen, gibt es Dinge, die ich verstecke? Habe ich einen kleinen Bunker an Geld zu meiner eigenen Verfügung gebracht?
45:50
Muss ich über Freundschaften lügen? Muss ich über Treffen mit meinen Eltern lügen? Muss ich Nachrichten aus meinem Chatverlauf löschen, weil ich denke, dass sie gelesen werden? Und wenn das alles so ist, dann würde ich ganz ehrlich mal auf diese Beziehung draufschauen. Bitte keine Kurzschlussentscheidungen treffen. Vielleicht wäre es hilfreich, einmal mit einem Hilfetelefon zu sprechen. Es gibt ein Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen und es gibt auch ein Hilfetelefon bei Gewalt gegen Männer.
46:21
Ich verlinke das alles unter dieser Podcast-Folge. Und nochmal, Trennungen sind in solchen Beziehungen riskant. Also einerseits wichtig und überlebenswichtig und gleichzeitig hoch riskant. Das ist wichtig, dass man, wenn man sich aus so einer Beziehung lösen will, dass man das gut vorbereitet, dass man sich mit einem Sicherheitskonzept befasst. Also das kann sein, dass es nötig ist, dass man professionelle Unterstützung hat, dass man im Zweifel auch ohne Vorankündigung, wenn die kontrollierende Person vielleicht bei der Arbeit ist, seine sieben Sachen schnappt und schnappt.
46:56
rausflüchtet, das kann alles notwendig sein. Und ich will dann auch nichts hören wie, ja, also unter erwachsenen Menschen muss man das aber im Zwiegespräch regeln. Nee, das gilt alles immer nur für gesunde Beziehungen, nicht für die Beziehungen, über die ich heute spreche. Für die gilt, bring dich in Sicherheit und sieh zu, dass du deine Passwörter kennst, dass du über dein Konto verfügst, dass du deinen Ausweis hast und dass du ein Gerät hast, wo keine Spyware drauf ist. Keine Ortungsdienste freigeschaltet und so weiter.
47:29
Also dass man unter erwachsenen Menschen eine Beziehung im Zwiegespräch vernünftig klärt, ist ja schön und gut, aber eben genau nicht in Beziehungen, in denen Coercive Control eine Rolle spielt.
47:43
Und Angehörigen möchte ich gerne ans Herz legen, dass das Wichtigste ist, dass man irgendwie die Beziehung hält und dass man, wenn man spürt, dass eine Person in dieser Dynamik einen am liebsten rausdrängen würde, dass man trotzdem bleibt, dass man den Kontakt hat. hält, auch wenn Verabredungen platzen, auch wenn Nachrichten mal unbeantwortet bleiben. Wenn man ahnt, da ist ein Mensch in dieser Beziehung gefangen, dann ist das ganz wichtig, genau dieser Person verlässlich immer wieder Signale zu geben, ich bin da, ohne Druck aufzubauen, ohne das an Bedingungen zu knüpfen.
48:20
Ohne Ultimaten zu setzen. Denn wenn man sich als angehörige Person oder Mutter, Vater, Schwester auch quasi beleidigt zurückzieht, dann hat die Täterperson gewonnen. Und die kontrollierte Person hat umso mehr den Eindruck, ich bin ganz allein, niemand versteht mich und niemand wird mir helfen. Und Fachmenschen möchte ich wirklich einen Blick in diesen britischen Guidance-Katalog empfehlen. Da stehen auch Fragen drin, die man mutmaßlich Betroffenen stellen kann. Und wie gesagt, Fallbeispiele wie der von Eva.
48:52
Und das ist deshalb wichtig, weil coercive control, also diese Art von Beziehungsdynamik, als Hochrisikofaktor für künftige schwere Gewalt gilt. Nur weil bis jetzt keine körperliche Gewalt vorliegt, ist das kein Entwarnungssignal. Und noch was an die Fachkolleginnen und Fachkollegen, Paartherapie ist in solchen Fällen explizit kontraindiziert. Paartherapie würde in so einer Dynamik nur bedeuten, dass man der kontrollierenden Person eine Bühne gibt, dass man ihr am besten auch noch ein therapeutisches Vokabular beibringt, mit der sie die unterdrückte Person noch weiter manipulieren kann.
49:39
Und alles, was die betroffene Person in diesem therapeutischen Setting sagt, wird gegen sie verwendet werden. Also es geht in diesem Fall klar darum, einzeln mit dieser Person zu arbeiten und keine Paartherapie anzubinden. Stattdessen sollte man eine gute Gefahreneinschätzung machen und dann die Person mit dem Hilfesystem vernetzen, nicht die kontrollierende Person in die Therapie einladen. Auch damit musste ich schlimme Erfahrungen machen, wo sich ein Partner mal selbst selber eingeladen hat.
50:12
Das hat mir immerhin einen sehr deutlichen Einblick gegeben, wie das wirklich zu Hause vonstatten geht. Insofern war es dafür notwendig und sinnvoll. Aber ich musste diese Person meiner Praxis verweisen und meine Patientin brauchte Schutz. Also diese Idee, wir räumen das mal gemeinsam in einem Gespräch aus, ist im Hinblick auf Coercive Control komplett vergeblich. Da kann ich nur absolut dringend von abraten.
50:39
Also wer mit Blick auf derartige Beziehungen immer noch fragt, warum geht die Person denn nicht einfach, steht vielleicht noch ganz am Anfang von einem längeren Erkenntnisprozess. Ich habe da vielleicht ein bisschen zu beigetragen, dafür zu sensibilisieren. Ich würde mir wünschen, dass wir auch in Deutschland da noch ein paar bessere rechtliche Antworten finden. Ich würde mir wünschen, dass... alle Menschen in Gesundheitsberufen, aber auch bei der Polizei, aber auch in der Justiz viel besser aufgeklärt wären über solche Dynamiken.
51:10
Und solltet ihr betroffen sein oder Hilfe oder Rat suchen, auch als angehörige Person, ich mache euch nützliche Links unter diese Podcast-Folge.
51:20
Für heute sage ich herzlichen Dank fürs Zuhören. Ja, hier gibt es auch immer mal wieder sehr schwierige Themen. Umso dankbarer bin ich, dass auch die immer wieder angehört werden, dass auch ein viel gehörter Podcast manchmal so wahnsinnig unbequem sein darf. Danke, danke dafür und sehr gern hören wir uns am nächsten Sonntag wieder. Bis dahin.
51:41
Tschüss.