00:02
Hallo und herzlich willkommen zum zweiten Teil unserer Folge zu einem der folgenreichsten Kriminalfälle in der deutschen Geschichte. Dem Fall des sogenannten St. Pauli-Killers. Ich bin Rudi Zerne und bei mir ist wieder meine Kollegin Nicola Henisch-Kurus.
00:29
Willkommen, auch von mir freut mich, dass ihr wieder zuhört.
00:32
Bei uns zu Gast sind, wie auch in der ersten Folge zu dem Fall, Max von Osting und Rolf Bauer. Beide waren Teil der Soko 855, die ab 1985 die spektakulären Ermittlungen wegen einer Reihe von Auftragsmorden im Rotlichtmilieu von St. Pauli geführt hat. Falls ihr die erste Folge zu dem Fall noch nicht gehört habt, geht am besten einmal zurück und hört die Doppelfolge von Anfang an.
00:59
Teil 1 ist vor 14 Tagen erschienen, nun aber Teil 2 und bevor wir nun dort einsteigen, wo wir in der ersten Folge aufgehört haben, hier eine kurze Zusammenfassung.
01:13
Es ist das Jahr 1985. Die Hamburger Mordkommission wird zu einem Haus im Stadtteil Schnelsen gerufen. Dort finden die Beamten zwei Leichen vor. Die beiden Männer, die sich als Mitglieder des Rotlichtmilieus von St. Pauli herausstellen, wurden mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet.
01:31
Das Milieu befindet sich Anfang der 80er Jahre im Wandel. Die goldenen Jahre, in denen mit der Ausbeutung der Prostituierten viel Geld verdient wurde, sind vorbei. Die Aids-Krise hat Deutschland erfasst. Außerdem drängen immer mehr Konkurrenten aus dem Bundesgebiet auf die Reeperbahn. Das Milieu wird zusehends von Drogengeschäften bestimmt.
01:53
und von Unstimmigkeiten zwischen den Zuhältern.
01:56
Die Mordkommission um Rolf Bauer vermutet zwar, dass es sich bei dem Doppelmord in Schnelsen um eine Auseinandersetzung im Milieu handeln könnte. Doch wer die Täter sind, wissen die Ermittler nicht. Aber dann erreicht Rolf Bauer einen Anruf. Ein anonymer Informant behauptet, etwas über den Doppelmord zu wissen. Und was er sagt, rückt den Fall in ein ganz neues Licht.
02:19
Denn der Informant behauptet, die Morde in Schnelsen sind nicht die einzigen, die den Kiez in den Monaten zuvor erschüttert haben. Tatsächlich sei auf St. Pauli ein Auftragsmörder unterwegs. Ein gewisser Werner Pinzner, der für den Zuhälter Peter Nusser zusammen mit zwei Komplizen bereits mehrere Konkurrenten aus dem Weg geräumt habe. Das Milieu, sagt der Informant, sei in Angst. Jeder müsse befürchten, als nächstes an der Reihe zu sein.
02:49
Als die Ermittler dem Leiter des LKA von den neuen Erkenntnissen erzählen, zögert der keine Sekunde. Noch am selben Tag wird die sogenannte Soko 855 ins Leben gerufen, der neben Rolf Bauer auch Max van Oesting und weitere handverlesene Ermittler angehören. Auch zwei junge Staatsanwälte stoßen zur Gruppe, Wolfgang Bistri und Martin Köhnke.
03:14
Das Ziel ist klar. Sie wollen dem St. Pauli-Killer, wie Pinzner genannt wird, das Handwerk legen.
03:22
Aber dafür brauchen die Ermittler gerichtsfeste Beweise. Sie brauchen Zeugen, die bereit sind, offiziell gegen Pinzner und Nusser auszusagen. Doch in dem verschlossenen Rotlicht-Milieu von St. Pauli ist es schwer, die zu finden. Kaum jemand will offiziell mit den Ermittlern reden.
03:40
Und die Mitwisser müssen fürchten, selbst wegen der Auftragsmorde belangt zu werden.
03:45
Fünf getötete Zuhälter schreibt die Soko Pinsner zu. Über zehn Monate bleiben ihre Bemühungen ohne Erfolg. Die Ermittler wollen schon aufgeben. Doch dann, im März 1986, ein letzter Versuch. Musik
04:03
Herr Bauer, Herr von Osting, willkommen zurück. Wir haben es eben gehört. Zehn Monate Ermittlungsarbeit, diverse Hinweise gegen Pinzner und die mutmaßlichen Mittäter. Aber was fehlte, waren gerichtsfeste Beweise und somit ein dringender Tatverdacht. Im März 1986 dann verhafteten sie den Chef des Hamburger Straßenstrichs, Gerd Gabriel, den eine Prostituierte wegen Zuhälterei belastet hatte. Gabriel war ein enger Geschäftspartner von Peter Nusser und sie erhofften sich, dass er ihnen etwas zu den Taten sagen könnte.
04:38
Doch die stundenlange Vernehmung am Tag der Verhaftung lief erst mal alles andere als erfolgsversprechend, Herr Bauer.
04:46
Das stimmt.
04:47
Ich habe zusammen mit einem Kollegen Gabriel vernommen. Man kann das eigentlich gar nicht eine Vernehmung nennen, denn die einzigen, die gesprochen haben, das waren wir. Wir haben bis spät in die Nacht auf Gabriel eingeredet und dargelegt, dass wir ihn wegen Zuhälterei drankriegen würden.
05:08
aber auch klipp und klar gesagt, dass wir glauben, ihm bald eine Anstiftung zu einem Tötungsdelikt nachweisen zu können. Wir vermuteten, dass der Mitwässer zumindest einer der Morde von Pinsner war, weil das Opfer Geschäftspartner von Nusser und auch von Gabriel gewesen war. Die Gespräche blieben aber doch sehr einseitig. Gabriel hat über viele Stunden kein Wort gesagt.
05:32
Und zwar bis um 23 Uhr, wie Sie uns erzählt haben. Denn da brach Gabriel plötzlich sein Schweigen. Was hat er Ihnen und Ihrem Kollegen gesagt?
05:41
Es kam zunächst ein einziger Satz. Was könnt ihr für mich tun? Wir beide sind richtig zusammengezuckt. Da hatten wir schon gar nicht mehr mit gerechnet, dass er überhaupt etwas sagt. Dann haben wir geantwortet, alles, was richtig möglich ist.
05:56
Und was hat er sich damit von Ihnen erhofft?
05:59
Also ich gebe mal davon aus, er hatte natürlich Angst, dass wenn er auspackt, er zum Ziel der Gruppe um Nusser wird. Nicht völlig zu Unrecht, denn der Einfluss von Nusser reichte im Zweifel bis in die Untersuchungshaftung in den Stall. Ich habe ihm dann im Grunde genommen Zeugenschutz zugesagt, wenn er als groben Zeuge gegen Nusser und Pinsner aussagt. Dass wir dafür sorgen, dass ihm nichts passiert und das haben wir dann auch getan. Ihn unter Alias Namen einer ganz kleinen Haftanstalt in Schwarzenbeck untergebracht.
06:29
Was Gabriel Ihnen im Gegenzug gesagt hat, dazu gleich zunächst, aber warum hat Gabriel denn überhaupt gegen Werner Pinsner und seinen Geschäftspartner Peter Nusser ausgesagt? Er hätte ja auch einfach weiter schweigen können, oder Herr Van Oosting?
06:43
Ganz klar, weil er um sein Leben gefürchtet hat. Nusser hatte Pinsner ja schon mehrfach Geschäftspartner töten lassen.
06:51
und dann deren Anteile an den Bordellen eingestrichen. Und auch die, die Nusser nahestanden, hatten langsam den Eindruck, dass dessen Auftragsmörder Pinsner außer Kontrolle geriet. Pinsner, stark drogenabhängig, unberechenbar, außerdem spürten die ja alle unseren Ermittlungsdruck. Offenbar war es dadurch auch zwischen den Hintermännern der Morde und Pinsner zu immer stärkeren Konflikten gekommen.
07:20
Gabriel hatte also Angst, umgebracht zu werden, kann man das so sagen?
07:23
Ja, außerdem war ihm klar, er geht wegen der Aussage seiner Prostituierten eh ins Gefängnis. In Haft war er nun mit unserer Unterstützung sicherer vor Pinzner als auf freiem Fuß.
07:37
Herr Bauer, was hat Ihnen Gabriel in dieser Nacht also gesagt?
07:40
An diesem Abend nach unserer Zusage, ihn zu schützen, gab es nur eine ganz kurze Vernehmung. Nicht mal eine Seite Protokoll. Er hat Pinsner als Täter benannt, Hockauf als Mittäter und Nusser als Hintermann. Das bezog sich vor allem auf eine Tötung. An dem Bordellbetreiber Peter Feilmeier am 12. September 1984.
08:02
Wir haben in der ersten Folge darüber gesprochen. Peter Pfeilmeier war ein Geschäftspartner von Peter Nusser und auch Gerd Gabriel gewesen. Gemeinsam hatten sie ein Fernfahrerbordell betrieben. Nusser hatte zunehmend das Gefühl gehabt, dass Pfeilmeier unzuverlässig wurde und das Geschäft durch seinen übermäßigen Kokainkonsum störte. Das war doch so.
08:23
Oder?
08:24
Richtig. Wir erfuhren nun, dass der Entschluss, Freimayer durch Pinsner töten zu lassen, war in Gabriels Beisein gefallen. Er konnte den Auftrag also aus erster Hand bezeugen.
08:36
Gabriel hatte zudem belastendes Wissen über Pinsner. Es gab zuvor eine Initiativ-Tert.
08:43
nämlich den Überfall auf einen Geldboden, gemeinsam mit Armee Hockauf, 1984, noch während Pinzner als Freiganger in Haft war.
08:52
Ja, darüber hatten wir auch in der ersten Folge schon gesprochen. Nachdem er sich mit diesem Überfall sozusagen bewiesen hatte, bekam Pinzner ja dann den ersten Mordauftrag aus dem Milieu, Herr Bauer.
09:04
Ja, so ist es. Mit dieser Aussage haben wir Gabriel dann noch nachts in eine Wache überführt, entgegen der Dienstvorschrift. Der LKA-Leiter, Herr Sieler, hat dann interveniert und der damalige Schichtführer musste ihn dann aufnehmen. Am nächsten Morgen gab es eine Haftbefehlsverhandlung mit dem Richter in den Räumen der Soku und eine ausführliche Vernehmung.
09:28
Im Besprechungsraum gab es Frühstück und Kaffee und Brötchen. Das war natürlich für ihn sehr komisch, ein Zuhölder, der bei der Polizei frühstückt. Aber das war eine reine vertrauensbildende Maßnahme. Dann fing er also an, im Detail zu erzählen. Und diese Aussage hat er dann auch unterschrieben. Das war entscheidend für uns. Denn nun war klar, jetzt haben wir alles, was wir für den RFF gegen Werner Pinzer und die anderen Hintermänner brauchten.
09:57
Ja, und wie sie Werner Pinsner dann schließlich verhaften konnten, dazu kommen wir jetzt.
10:07
Der Tag, den die Ermittler für die Verhaftung Pinsners ausgewählt haben, ist der 15. April 1986. Sie müssen schnell sein, denn die Soko merkt, dass sich die Lage im Milieu weiter zuspitzt. Schon ihre Informanten hatten den Ermittlern gegenüber durchblicken lassen. Wenn ihr Pinsner nicht bald verhaftet, kümmern wir uns selbst um ihn.
10:30
Später werden die Ermittler feststellen, mit ihren Befürchtungen, dass das Milieu den unberechenbaren Auftragsmörder mit eigenen Methoden zur Strecke bringen könnte, haben sie durchaus recht. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung gibt es bereits konkrete Pläne, Pinzner außerhalb Hamburgs zu beseitigen und seine sterblichen Überreste an die Kampfhunde eines der Zuhälter zu verfüttern.
10:53
Doch dazu kommt es nicht. Am Morgen des 15. April 1986 greift das mobile Einsatzkommando zu. Für die Verhaftung haben sich die Beamten eine Finte überlegt. Sie müssen davon ausgehen, dass Pinsner bewaffnet ist. Also täuschen sie vor seinem Haus in Hamburg-Steils-Hob einen Unfall vor. Ein Beamter klingelt an der Wohnungstür und bittet Pinsner, mit nach unten zu kommen, um nach seinem Auto zu sehen.
11:20
Als der Beamte erkennt, dass Pinzner nur mit einem Bademantel bekleidet ist und offensichtlich unbewaffnet, greift er zu. Er überwältigt Pinzner noch an Ort und Stelle. Bei der späteren Durchsuchung der Wohnung stellen die Beamten eine Waffe sicher. Sie liegt auf dem Sofa. Ein Revolver der Marke Aminius, Kaliber 38, Rechtsdrall.
11:43
Die Waffe hat außerdem zehn Züge, also Rillen statt der üblichen sechs im Innenprofil. Und es ist die markante Schusswaffe, die bei drei der fünf Morde zum Einsatz gekommen war.
11:55
Die Beamten des mobilen Einsatzkommandos legen Pinsner Handschellen an. In Socken und Unterhose und notdürftig mit einer Decke umwickelt, bringen sie ihn in die Räume der Soko 855. Zeitgleich greift das MEK auch an anderen Orten in Hamburg zu. Peter Nusser wird verhaftet.
12:15
Armin Hockauf, von dem Gerd Gabriel gesagt hatte, dass er an dem Raubüberfall und dem Mord an Peter Pfeilmeier beteiligt war, kriegt Wind von der geplanten Verhaftung und setzt sich aus Hamburg ab. Er wird kurz darauf gefasst. Dies könnte der Schlusspunkt einer spektakulären Ermittlung sein. Doch es kommt anders.
12:37
Herr Bauer, Herr van Oesting, welche tragischen Geschehnisse noch folgen sollten, dazu kommen wir noch. Doch zunächst muss man sagen, nachdem Sie über Monate daran gearbeitet hatten, die Mauer des Schweigens in diesem extrem verschlossenen Milieu einzureißen, ist Ihnen da ein wirklich bemerkenswerter Ermittlungserfolg gelungen. Wie haben Sie den Moment erlebt, als Werner Pinsner zu Ihnen aufs Präsidium gebracht wurde?
13:04
Ich war zu der Zeit im Polizeipräsidium in den Räumen der Fachdirektion 65 und hatte eigentlich auf Hockauf gewartet, den ich dann sofort vernehmen wollte. Seine Verhaftung war aber misslungen, ihm gelang die Flucht, dafür kam dann Werner Pinzner.
13:26
Staatsanwalt Wolfgang Bestry kam dann zu mir und sagte, Max, nimm das mal in die Hand, vernimm ihn, mal sehen, was da rauskommt. Ich habe ihn dann mit einem Kollegen der Soko auf dem Flur der Dienststelle übernommen. Er war nur mit einer Decke bekleidet, hatte wirres Haar, fühlte sich merklich unwohl. Er merkte nach meiner Einschätzung, er hatte verloren. Wir haben uns dann ins Vernehmungszimmer zurückgezogen. Anwesend war auch noch eine Protokollante.
13:56
Und wie lief dann diese erste Vernehmung Pinzners ab?
13:59
Ich versuchte mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich hatte reichlich Aktenmaterial bereitgestellt, um ihn damit auch zu beeindrucken und zitierte ständig aus den Akten, aus vorherigen Vernehmungen von seinen Aussagen und von anderen, wo ich auf Widersprüche hinwies. Er wollte sich aber offensichtlich nicht auf eine Vernehmung einlassen, sondern winkte immer wieder ab und wechselte das Thema.
14:27
blieb beharrlich, hielt ihm über zwei bis drei Stunden Akteninhalte vor. Plötzlich sagte er, wer sind Sie überhaupt? Ich war ihm wohl nicht mehr gut genug. Nun wollte er mit dem zuständigen Staatsanwalt sprechen. Kein Problem. Ich habe dann Wolfgang Bistri im Nebenzimmer angerufen und ihn dazugeholt.
14:48
Nachdem Staatsanwalt Bistri dazugekommen war, kam es jetzt zu einer Art Spontangeständnis. Das wurde später auch vielfach in der Presse zitiert.
14:57
Ja, das ist richtig. Pinzner sagte plötzlich an Bistri gewandt, ihr habt ja den Richtigen. Ich kann euch alles erzählen. Ich habe acht Morde begangen, von Flensburg bis Salzburg. Und der Wiener Peter war mein Chef.
15:12
Büstri hat gleich nachgehakt. Nach dem Mord in Kiel an den Ex-Zuhälter Jehuda Arzi hat gefragt, ob er auch dafür in Frage kommt. Da hatten wir ja einen Bezug durch die Tatwaffe, hatten aber keine Hinweise auf ein Motiv. Nach wie vor waren wir ja unsicher, ob die Tat dazugehörte. Pinzner hat es dann bestätigt. Er wäre der Täter.
15:34
Am nächsten Morgen haben Sie Werner Pinzner dann dem Haftrichter vorgeführt. Hat er sein Geständnis da wiederholt?
15:41
Der Haftbefehl basierte ja zunächst auf dem Vorwurf des Mordes an Peter Pfeimeyer und dem Überfall auf den Geldboten. Das, was Gabriel uns geschildert hatte. Das wurde Pinzner vorgehalten vom Haftrichter. Er hat es in Kurzform dann auch nochmal gestanden, sein Geständnis von der Polizei wiederholt. Und er hat dann wieder angedeutet, weitere Morde begangen zu haben.
16:10
Aber Details zu den Taten und weitere Geständnisse wollte Pinsner dann nur noch unter Bedingungen liefern. Noch am selben Mittag fand deshalb ein Treffen im Präsidium statt. Neben ihnen, Herr van Oosting und Staatsanwalt Biestri, saß Werner Pinsner selbst am Tisch und Pinsners Strafverteidigerin. Dabei handelte es sich um eine junge Hamburger Anwältin und die beiden kannten sich.
16:35
Ja, sie hatte Pinsner schon während seiner zehnjährigen Haftstrafe vertreten, sich für ihn eingesetzt, für Vergünstigungen im Vollzug und auch die Verlegung in den offenen Vollzug. Sie hatte dabei offenbar mehr Nähe zu Pinsner aufgebaut, als es für eine Anwältin redlich ist. Zu dem Zeitpunkt allerdings ist das noch nicht aufgefallen. Sie und Staatsanwalt Bistri kannten sich übrigens noch aus dem Studium.
17:04
Und welche Bedingungen haben Pinzner und seine Anwältin gestellt?
17:08
Die Kernforderung war zunächst Schutz seiner Frau Jutta.
17:13
die Pinzner offensichtlich gefährdet sah. Aber auch wollte er noch einmal unbeobachtet mit seiner Frau zusammenkommen. Offensichtlich hatte diese Forderung einen sexuellen Hintergrund.
17:27
Jutta Pinzner, die aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, hatte Werner ja kurz vor dessen zehnjähriger Haftzeit kennengelernt, Das haben wir in der ersten Folge gehört. Auch während dieser Haft hatte sie Pinsner bedingungslos unterstützt. Danach führten sie eine intensive, von Drogen geprägte Beziehung, in der er den Ton angab. Herr van Oesting, Sie haben Frau Pinsner nun kennengelernt. Wie hat sie auf Sie gewirkt?
17:51
Also sie kam am 16. April 1986 in die Dienststelle. Ein aus meiner Sicht prägender erster Eindruck. Die Frau sprach sehr leise.
18:03
wirkte zurückhaltend, beinahe unterwürfig, wie eine Persönlichkeit mit geringem Selbstwertgefühl. Dieser Eindruck sollte sich später auf tragische Weise ja noch bestätigen.
18:17
Ja, und dazu kommen wir noch zunächst. Aber wie sind Sie mit Werner Pinzners Forderungen umgegangen?
18:23
Diese mussten zumindest diskutiert werden. In diesem Fall von der Staatsanwaltschaft, der Polizei und dem Haftrichter.
18:32
Der Schutz seiner Frau war ja kein Problem. Schwieriger war die Forderung nach persönlichen Vorzugsbehandlungen, zum Beispiel unbeobachtete Treffen. Das haben wir diskutiert, aber verworfen. Es gab eindeutig Sicherheitsbedingungen. Ein unüberschaubares Risiko wäre damit vermacht gewesen.
18:53
Und weil es rechtlich angreifbar gewesen wäre, haben wir es auch verworfen, denn es hätte das spätere Verfahren vor Gericht gefährden können. Zeugenaussagen wären womöglich nicht mehr verwirrtbar gewesen, wenn sie durch solche Vorzugsbehandlungen entstanden wären. Stattdessen kam es zu Kompromissen, die aber rechtlich unbedenklich waren. Welche waren das?
19:16
Ja, das Ehepaar Pünzner durfte zum Beispiel in den Räumen des MEK zusammenkommen, um ein kurzes privates Gespräch zu führen, aber eben unter Aufsicht. Und im Rahmen späterer Vernehmungen wurden mehrere Sonderbesuche gestattet, ebenfalls unter Aufsicht und in den Räumen des Polizeipräsidiums.
19:41
Staatsanwalt Bistri hatte die Ehefrau bei Vernehmungen als Beistand zugelassen. Die Beistandsregelung ist in der Strafprozessordnung nur für Hauptverhandlungen geregelt. In einem Ermittlungsverfahren ist die Staatsanwaltschaft dafür zuständig und kann diese Regelung analog zur Strafprozessordnung anwenden. Bistri hat es getan. Sie war nicht bei allen Vernehmungen dabei, aber bei manchen.
20:09
Welche fatalen Folgen diese Entscheidung hatte, dazu kommen wir noch. Zunächst aber beginnen nun endlich die Vernehmungen Werner Pinsners. Darin berichtet der Auftragsmörder erstmals ausführlich von seinen Taten und nennt die Namen der Hintermänner um Nusser, den Wiener Peter. Was Pinsner in den folgenden Monaten noch alles offenbart, dazu kommen wir jetzt.
20:34
Bei den Vernehmungen in den Räumen der Soko 855 legen die Ermittler Werner Pinzner im Frühjahr 1986 die fünf Morde vor, von denen sie sicher sind, dass er sie begangen hat.
20:48
Sie befragen Pinzner intensiv, sammeln Anhaltspunkte, um seine Aussagen überprüfen zu können. Und sie fragen ihn nach der Beteiligung von Peter Nusser sowie Armin Hockauf und Siegfried Träger, die sie für die Mittäter halten.
21:03
Pinzner schildert ausführlich, wie er 1984 noch während der Haftzeit Armin Hockauf kennenlernt und mit ihm während eines Freigangs einen Geldboten überfällt.
21:14
Mit einem Motorrad und seinem in einem Schließfach deponierten Arminius-Revolver erbeuten die beiden damals rund 70.000 D-Mark. Der Überfall soll ihnen ein finanzielles Polster verschaffen. Er soll aber auch zeigen, Mucki Pinsner, wie er genannt wird, ist der richtige Mann für Aufträge aus dem Milieu, bei denen man sich die Hände schmutzig machen muss.
21:38
Danach, so erzählt es Pinzner, wird er beauftragt, dem ehemaligen Zuhälter Jehude Arzi einen Denkzettel zu verpassen. Es soll ein weiterer Test sein, ob auf den Neuling Verlass ist.
21:50
Arzi, das wissen die Ermittler bereits, hatte Jahre zuvor Brodelle im Raum Karlsruhe und Konstanz geführt, bevor er aus dem Milieu ausgestiegen war und sein Vermögen verspielt hatte. In der Folge muss Arzi in eine Sozialwohnung in Kiel ziehen und beschließt offenbar, seine früheren Kontakte ins Milieu wieder aufleben zu lassen.
22:13
Unter anderem versucht er mit dem Wissen um ihre Bordellvergangenheit Geld von seiner Ex-Frau zu erpressen, die dem Rotlichtmilieu inzwischen den Rücken gekehrt hat. Unter jenen, die daraufhin von Arzis Aufenthaltsort erfahren, ist auch ein Zuhälter, der noch eine offene Rechnung mit Arzi hat. Dieser frühere Konkurrent lebt inzwischen in Hamburg und ist Teil der Szene auf St. Pauli.
22:39
Er will Arzi einschüchtern, ihm einen Finger abhacken lassen.
22:43
Der Auftrag geht an Werner Pinzner, den neuen Mann fürs Grobe auf dem Kiez. Doch Pinzner sagt, Leute quälen, das sei nicht sein Ding. Stattdessen sagt er, ich gehe hin und knall ihn weg. Am nächsten Tag einigt man sich auf 40.000 Mark für den Mord.
23:01
Am Vorabend des 7. Juli 1984, so erzählt es Pinsner den Ermittlern, fährt er gemeinsam mit Armin Hockauf nach Kiel. Beide haben Hafturlaub genehmigt bekommen. Am Morgen darauf klingeln sie als Handwerker verkleidet an Arzis Tür. Als der öffnet, drängen sie Arzi in die Wohnung und Pinsner schießt ihm mit seinem Arminius-Revolver in den Kopf.
23:25
Abends kehren beide zurück in ihre Zellen. Nur 4 Tage darauf wird Pinsner nach 9 Jahren aus der Haft entlassen.
23:33
Der zweite Mord, den Pinzner gesteht, ist der an Peter Pfeilmeier, dem lästig gewordenen Geschäftspartner Peter Nussers. Nusser, so erzählt es Pinzner den Ermittlern, habe ihm den Auftrag nur drei Monate nach der Tötung Arzis gegeben. 15.000 Mark soll er für den zweiten Mord bekommen. Und Nusser habe ihm außerdem Anteile an seinen Bordellen in Aussicht gestellt.
23:58
Für die Ausführungen wählt Pinsner den 12. September 1984. An jenem Tag, so erzählt er es, lässt sich Armin Hockauf von Pfeilmeier unter dem Vorwand einer Spritztour mit dem Auto abholen. Pfeilmeier ist besonders stolz auf seinen Wagen, ein amerikanisches Modell, das er frisch hat lackieren lassen.
24:18
Unterwegs, hatte Hockauf zudem angekündigt, könne man gleich noch einen Kokain-Deal über die Bühne bringen. Der schwer abhängige Pfeilmeier sei sofort einverstanden gewesen.
24:30
Auf dem Weg lesen sie wie durch Zufall Werner Pinzner auf. Er nimmt auf dem Rücksitz hinter Pfeilmeier Platz. Gemeinsam fahren sie durch Hamburg.
24:40
Irgendwann, eher zufällig, landen sie auf einem Garagenhof in Hamburg-Bramfeld. Pfeilmeier erzählen sie, es sei der Treffpunkt für das Drogengeschäft. Nach einigen Minuten des angeblichen Wartens verwickelt Pinsner sein Opfer in ein Gespräch, witzelt über die angeblich zu klein geratenen Seitenspiegel des geliebten Wagens. Als Pfeilmeier zur Seite blickt, schießt Pinsner ihm von hinten in den Kopf.
25:07
Für den dritten Mord, so erzählt es Pinsner, fährt er gemeinsam mit Siegfried Träger nach München. Das nächste Opfer Dietmar Traub, ebenfalls ein Geschäftspartner Nussers. Diesmal habe der Wiener Peter ihm 30.000 Mark versprochen. Auch Traub, der nach München gefahren ist, um nach seinen dortigen Geschäften zu sehen, lockt er mit einem angeblichen Drogendeal.
25:30
Mit einem Leihwagen fahren die drei Männer in ein Waldstück vor München. Dort täuscht Pinsner eine Autopanne vor. Als Traub aussteigt, erschießt er ihn.
25:41
Auch den letzten Mord auf der Liste der Ermittler, den an Waldemar Dammer und seinem Wirtschaftler Ralf Kühne, gesteht Pinzner. Pauschal 60.000 Mark hätten er und Siegfried Träger für den Auftrag bekommen, Dammer und seine Schläger zu töten, die den Konkurrenten Peter Nusser kurz zuvor in dessen Bordell überfallen und zusammengeschlagen hatten. Am Ostermontag 1985 seien er und Träger zu Dammers Wohnhaus nach Hamburg-Schnelsen gefahren. Die Schläger seien nicht vor Ort gewesen.
26:12
Doch Dammer selbst und sein Wirtschafter Kühne habe er Pinzner an Ort und Stelle erschossen.
26:20
Zehn Monate, fünf Morde. Oder noch mehr? Pinsner spricht gegenüber den Ermittlern immer wieder von acht, teilweise sogar von 13 Morden, die er begangen haben will. Und warum das alles? Nach den Motiven gefragt, sagt Pinsner, es sei ihm schlicht ums Geld gegangen. Und um die Bordellanteile, die Peter Nusser ihm immer wieder versprochen habe.
26:44
Dieses Versprechen hält der Wiener Peter natürlich nicht. Für ihn bleibt Pinzner ein Handlanger, kein Geschäftspartner auf Augenhöhe. Vielleicht ist das der Grund, warum Pinzner in den Vernehmungen immer wieder abfällig über die, Zitat, Ratten auf St. Pauli, wie er sie nennt, herzieht und keine Hemmungen hat, Mittäter zu verpfeifen. Deren Anerkennung, die Pinzner sich wohl ebenfalls durch die Morde erhofft hatte, blieb ihm bis zuletzt verwehrt.
27:17
Herr Bauer, Herr Van Osting, wir haben es eben gehört, Sie haben Pinzner über mehrere Monate immer wieder vernommen. Die fünf Morde, die ja von Anfang an auf Ihrem Hypothesenpapier standen, hat er Ihnen während dieser Vernehmungen gestanden und immer wieder angedeutet, da sind noch mehr Morde, von denen Ihr noch gar nichts ahnt. Wie hat Pinzner während der Vernehmung auf Sie gewirkt?
27:40
Am Tag seiner Festnahme wirkte er ja noch etwas kläglich, nicht zuletzt durch seine Aufmachung.
27:48
Das änderte sich später. In den Vernehmungen erschien er mir total abgebrüht. In Details, sarkastische Kommentare, in denen seine Menschenverachtung spürbar wurde. So sagte er zum Beispiel über den Mord am Feiermaier, es sei ja wohl pietätlos von uns gewesen, dass man den Leichnam im Wagen belassen und so zur kriminaltechnischen Untersuchung ins Präsidium gefahren hatte.
28:16
Dazu muss man wissen, dass die Presse diese Szene fotografiert hatte und veröffentlichte. Natürlich absurd, dass von dem zu hören der Fallmeier erschossen hat. So sagte er auch Dinge wie, ihr habt mir den Job kaputt gemacht, ich hätte noch so viel Geld verdienen können. Diese Zwischenbemerkungen zeigten, dass er im Grunde ein charakterloses Wesen war.
28:42
Die Geständnisse waren natürlich wichtig für ihre Ermittlungen. Gleichzeitig gibt es in der Kriminalgeschichte immer wieder Beispiele von falschen Geständnissen, bei denen sich hinterher herausgestellt hat, die Person, die da behauptet hat, einen Mord begangen zu haben, kann es gar nicht gewesen sein, sondern wollte sich womöglich nur wichtig machen oder leidet unter einer psychischen Störung. Pinsner hat ja auch angedeutet, mehr Morde begangen zu haben, als sie bislang erkannt hatten. Wie konnten sie wissen, ob er die Wahrheit sagt?
29:12
Das herauszufinden war in dieser Zeit der zentrale Bestandteil unserer Ermittlungen. Wir mussten in seinen Aussagen Anhaltspunkte finden, die wir überprüfen konnten, um seine Behauptungen zu verifizieren.
29:29
Und ist Ihnen das gelungen?
29:31
Teilweise. Bei den Morden an Arzi, Feinmeier und Traub gab es belastbare Indizien, die wir nach und nach verifizieren konnten. Unter anderem ja die gemeinsame Tatwaffe. Das war nicht einfach. Pinsners Aussage ließ sich nicht richtig strukturieren. Er war auch unwillig, machte zum Teil nur Andeutung. Manches stellte sich auch als falsch heraus.
29:57
Was zum Beispiel?
29:58
So hatte Pinsner zum Beispiel sich im Doppelmord Damaküne als alleiniger Schütze dargestellt. Das hatte sich aber im Nachhinein als Falschaussage herausgestellt.
30:11
Im Sommer 1986 waren sie dann, was die fünf bekannten Tötungsdelikte anging, fertig mit ihren Ermittlungen. Für diese fünf Morde...
30:21
hatten sie genügend Beweise gesammelt, um Pinsners Tatbeteiligung nachweisen zu können und auch die Mittäterschaft derjenigen, die er benannt hatte. Armin Hockauf, Siegfried Träger und Peter Nusser. Blieb noch die Frage, gibt es tatsächlich weitere Taten, wie von Pinsner behauptet, Herr Bauer?
30:42
Wir wussten von einem weiteren Mord und einem Mordversuch, den wir ebenfalls dem Umkreis Nusser zurechneten. Beide Opfer waren Geschäftspartner Nussers. In der Konstellation erinnerte das an Traub und Fallmeier. Der eine wurde in der St. Pauli Kneipe Ritze von einem Barhocker geschossen, als Nusser daneben saß. Der andere in der Tiefgarage von Palli d'Amour. Angeschossen, aber er überlebte.
31:10
Allerdings waren das Taten, die bereits 1980 und 1981 erfolgten, da war Pinsner noch in geschlossenen Vollzug. In diesem Fall nachweislich, also nicht der Täter. Aber Pinsner sprach ja von Echtmorden, von Flensburg bis Salzburg, später sogar von 13.
31:29
Und das war aus Ihrer Sicht dann nur Prahlerei, Herr von Osting?
31:33
Dazu gab es unterschiedliche Meinungen innerhalb der Sonderkommission.
31:38
Staatsanwalt Bistri glaubte an weitere Taten. Ich war anderer Meinung. Ich glaubte, er führt uns hier jetzt vor. Er machte in seiner Untersuchungshaft ja immer wieder Andeutungen zu Tatorten, die wir dann überprüft haben und die Akten dazu besorgt haben. Die Überprüfung gab aber, dass es keinerlei Bezüge zu Pinzner geben konnte. Es passte nie.
32:05
Er äußerte ja auch nie Konkretes, nur Andeutung. Das machte ihm offensichtlich Spaß. Wir mussten irgendwann eine finale Einschätzung treffen und einen Schlussstrich ziehen. Falls wir ihm keine weiteren Taten nachweisen konnten, mussten wir nun das Verfahren anklagereif machen.
32:29
Ja, und dieser Schlussstrich war für den 29. Juli 1986 geplant. An diesem Tag sollte eine letzte Vernehmung Werner Pinzners stattfinden, ein letzter Versuch, um herauszufinden, ob es neben den fünf bekannten Tötungsdelikten noch weitere geben könnte. Danach, so der Plan, sollten Wolfgang Bistri und die Staatsanwaltschaft übernehmen und die Taten zur Anklage bringen.
32:55
Die Vernehmung an jenem Tag ist für 10 Uhr morgens angesetzt. Im Polizeipräsidium in Max von Ostings Büro. Es ist ein warmer Sommertag, doch in der Soko ist die Anspannung deutlich zu spüren. Allen Beteiligten ist klar, dass diese Vernehmung eine besondere ist. Die letzte in dieser Sache. Und diese Information ist längst nicht mehr nur intern.
33:20
Auch im Rotlichtmilieu hat sich herumgesprochen, dass Pinzner noch einmal ausführlich aussagen wird. Und damit wächst die Sorge, dass jeder, der mit seinen Taten in Verbindung steht und befürchten muss, von ihm belastet zu werden, jetzt einen Grund hat, ihn zum Schweigen zu bringen.
33:38
Alle wissen um die Gefahr eines Anschlags während des Transports von der Untersuchungshaft zum Polizeipräsidium.
33:45
Oder dass jemand versuchen könnte, sich Zugang zum Präsidium zu verschaffen. Die Beamten überprüfen die Toilettenräume rund um das Vernehmungszimmer. Max van Oosting, der den Transport organisiert, entscheidet, einen anderen Fahrtweg zu wählen als üblich. Die Ermittler bringen Pinzner über den Haupteingang ins Gebäude, statt wie zuvor über die Tiefgarage.
34:10
Im Vernehmungszimmer Raum 418 im vierten Stock platzieren die Beamten Werner Pinsner vor Max van Oostings Schreibtisch. Gegenüber sitzen die Ermittler, van Oosting selbst und ein weiterer Kollege aus der Soko. Außerdem Staatsanwalt Wolfgang Bistri.
34:28
In der Ecke des Raumes noch eine Schreibkraft, die das Ganze protokollieren soll. Und auf der anderen Seite, bei Pinsner, dessen Anwältin. Und auf dem Stuhl gleich neben ihm, Pinsners Ehefrau Jutta.
34:41
Die abweichenden Verhaltensmuster beim Transport und in der Vorbereitung der Vernehmung hatten für mehr Sicherheit sorgen sollen.
34:48
Der Fokus der Ermittler lag dabei auf der Bedrohung von außen. Dass die Gefahr von innen kommen könnte, das erwartet zu diesem Zeitpunkt niemand.
35:02
Herr van Oesting, wir haben es eben gehört, auf dem Stuhl gleich neben Werner Pinsner saß bei der Befragung seine Ehefrau Jutta. Die hatte die Staatsanwaltschaft ja, um Pinsner entgegenzukommen, als Beistand während der Vernehmungen zugelassen. Doch gerade als sie anfangen wollten, meldete sich Frau Pinsner zu Wort.
35:23
Ja, sie stand gleich auf und sagte, sie müsse noch einmal zur Toilette gehen.
35:30
Ich zeigte ihr den Weg, konnte sie natürlich nicht in die Toilette begleiten, aber genau dafür hatte ich ja die Räume vorher inspiziert. Als sie zurückkamen, wollten wir nun mit der Vernehmung beginnen. Staatsanwalt Bistri sagte, so Herr Penzner, Sie sind hier der Chef, dann fangen Sie mal an. Bistri hatte immer einen lockeren Spruch drauf, möglicherweise hat er auch gesagt, so, dann schießen Sie mal los.
35:59
Aber Pinsner lenkte gleich wieder ab, er habe ja noch nichts gegessen, ob er nicht mal einen Kaffee oder ein Brötchen bekommen könne.
36:07
Sie hatten im Vorhinein ausgemacht, sollte Werner Pinsner wieder versuchen, vom eigentlichen Vernehmungsthema abzulenken, würden Sie die Befragung abbrechen.
36:17
Richtig. Wir wollten aber auch nicht gleich wieder aufgeben und seine Vernehmungsbereitschaft aufrechterhalten. Also bin ich auf Bitten von Staatsanwalt Bistri in die Kantine gegangen, um Brötchen und Kaffee zu besorgen. In der Meinung, die Vernehmung würde trotzdem beginnen. Aber als ich zurückkam, merkte ich an dem Gespräch und an dem Protokoll, was in die Schreibmaschine eingespannt war, dass es noch kein Vernehmungsthema gab.
36:48
Also holte ich ein vorbereitetes Fragekonzept hervor.
36:52
Und ich wollte gerade ansetzen mit einer konkreten Frage an Werner Pinzner. Und war dann völlig perplex, als Pinzner plötzlich aufstand mit einem Revolver in der Hand. Er sagte, so, meine Herren, das ist eine Geiselnahme. Ihr habt drei Stunden Zeit und ihr geht raus.
37:14
Ja, es ist wirklich eine unvorstellbare Situation. Was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf?
37:20
Man hat ja nicht viel Zeit. Man versucht, die Situation einzuschätzen. Ist das eine echte Waffe? Woher kommt die? Und was meint er? Mit ihr geht raus.
37:31
Ja, das habe ich mich auch gerade gefragt. An wen richtet sich denn dieser Satz?
37:35
Das ließ ich später nicht mehr aufklären. Das bleibt sein Geheimnis. Ich dachte in dem Moment, vielleicht meint er damit uns Ermittler. Ich nahm das jedenfalls zum Anlass, von meinem Stuhl aufzustehen.
37:48
Aber da wurde er hektisch und sagte, du setzt dich wieder hin. Ich lasse mich also wieder zurückfallen. Und in dem Moment höre ich schon, wie ein Schuss bricht und einen Aufschrei.
38:03
Eine dramatische Situation. Wir reden hier über Bruchteile von Sekunden. Was haben Sie in dem Moment gemacht?
38:10
Ich hatte nicht mal Zeit zu erfassen, was genau passiert war. Ich bin aufgesprungen, aus dem Zimmer gestürzt, rein instinktiv. Das kann man gar nicht beeinflussen, wie man in so einer Situation reagiert. Und ich habe nicht einmal bemerkt, dass mein Kollege auch hinter mir hergestürmt kam. Unmittelbar, danach hörten wir weitere Schüsse.
38:36
Eine, man muss wirklich sagen, katastrophale Situation. Man war zwar auf Anschläge auf Werner Pinsner vorbereitet gewesen, aber nicht darauf, dass der Untersuchungsgefangene selbst eine Waffe haben könnte. Unklar zunächst auch, auf wen Pinsner gezielt hat und wem die nachfolgenden Schüsse galten.
39:02
Nachdem die beiden Ermittler sich aus dem Vernehmungszimmer retten konnten, schlägt Max van Oosting sofort Alarm. Er ruft bei der Einsatzzentrale an und schildert die Situation. Krankenwagen rasen zum Polizeipräsidium, ein Hubschrauber wird angefordert.
39:18
Was sich derweil in Max van Oostings Büro abspielt, wird später die dort verbliebene Protokollantin schildern. Sie hat gesehen, wem Pinzners Schuss gegolten hat.
39:29
Staatsanwalt Wolfgang Bistri liegt schwer verletzt am Boden vor dem Schreibtisch. Pinzner hatte ihn mit einem ersten Schuss in den Kopf getroffen und anschließend hinter den flüchtenden Ermittlern hergefeuert. Dann hatte er seine Anwältin und seine Frau aufgefordert, die Bürotür mit dem Schreibtisch zu verrammeln.
39:51
Während sich vor dem Büro Einsatzkräfte sammeln, telefoniert Pinsner mit Van Ostings Apparat, noch kurz mit seiner 15-jährigen Tochter. Als er aufgelegt hat, flüstert er Jutta Pinsner etwas zu. Die Ehefrau kniet daraufhin bereitwillig vor ihrem Mann nieder. Werner Pinsner schießt ihr mit seiner Waffe in den Kopf. Anschließend tötet er sich selbst.
40:19
Herr van Oosting, Sie waren auf dem Flur, als die Schüsse fielen. Und Sie sahen kurz darauf, wie Werner Pinzen als Anwältin und die Schreibkraft die Tür öffneten und den Vernehmungsraum, also Zimmer 418, verließen. Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?
40:35
Ich lief der Anwältin entgegen. Ich habe ihr instinktisch zugerufen, da habt ihr uns ja schön gelingt. In dem Moment wusste ich noch nicht, wie richtig ich damit lag.
40:47
wie tief sie mit in der Sache steckte. Mein Dienststellenleiter musste uns dann quasi trennen. Ich habe mich dann abgewandt und nach der ärztlichen Versorgung von Herrn Bistri geguckt. Ich versuchte, ihn anzusprechen, ohne Erfolg. Er ist am nächsten Tag aufgrund der schweren Kopfverletzung verstorben.
41:12
Eine wirklich erschreckende Wendung, die Ihre Ermittlungen an diesem Tag genommen haben. Die große Frage, die nun natürlich im Raum stand, wie war Werner Pinzner bei einer polizeilichen Vernehmung an eine Waffe gekommen? Doch bevor wir dahin kommen, muss ich noch mal fragen, wie ging es Ihnen und den Kollegen nach dieser Erfahrung, die man ja durchaus als traumatisch bezeichnen kann?
41:36
Ja, ich selbst war an dem Tag im Urlaub. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, durch die laufenden Ermittlungen den Urlaub zu verschieben oder abzusagen. Aber in diesem Fall war ich mit einem Freund, da ich ja wusste, dass die Vernehmung die letzte sein sollte, war ich mit einem Freund zum Segeln und an dem Tag war ich in Güteburg. Ich bin, wie gesagt, selbstverständlich.
42:03
Deshalb gefahren, weil es sich um die letzte Vernehmung gehandelt hat. Das hat mir vermutlich das Leben gerettet. Ich war zwar nicht bei jeder Vernehmung dabei, aber saß normalerweise immer neben Herrn Winsner. Das hat mir dann doch schon zu denken gegeben.
42:21
Wie haben Sie von den Geschehnissen im Präsidium erfahren?
42:26
Ich habe vom Hafen aus meine Frau angerufen. Die war völlig aufgelöst. Ich wusste das ja noch nicht. Sie war völlig aufgelöst und hat mir erzählt, im Präsidium ist geschossen worden. Das sei im Radio gewesen. Aber sie wusste auch nicht viel. Ich habe mich dann auf der Dienststelle gemeldet, habe dort angerufen und bin sofort nach Hause gefahren.
42:50
Wir arbeiten nämlich in einem Bereich, der ohnehin nichts für Zartbeseitete ist. Aber in diesem Fall ist man das erste Mal wirklich persönlich betroffen.
43:02
Es war Staatsanwalt, aber er war für uns ja ein Kollege. Und plötzlich ist er tot. Das war völlig anders als bei den anderen Tötungsdelikten. Ich habe auch einige Wochen ein bisschen schlecht geschlafen. Das hat sich dann gewandelt. So nach dem Motto, jetzt wollen wir das Ganze erst recht aufklären.
43:21
Herr von Osting, Sie waren dabei, haben das alles miterleben müssen. Wie haben Sie das verkraftet?
43:29
Rückblickend habe ich es relativ gut verarbeitet. Ich fühle mich in keiner Weise traumatisiert. Aber es folgten natürlich nach dem Vorfall sehr belastende Wochen. Die Tötung Wolfgang Bistris war ja nun ein eigener Fall.
43:46
Und ich musste mich in der Folge vielen Vernehmungen stellen und der Frage, wie konnte das passieren? Von allen Seiten kamen Fragen. Das war schon großer Stress. Und wie Rolf Bauer sagt, für uns als Soko war allerdings schnell klar, jetzt ist recht. Wir haben uns schnell konsolidiert, um die Ermittlungen in Sachen St. Pauli-Killer zu Ende zu bringen und zur Anklage vorzubereiten.
44:17
Wir bekamen mit, dass die Mittäter sich nun Hoffnung machten, dass die Anklage nach Pinsners Tod in sich zusammenfallen würde. Das wollten wir auf keinen Fall zulassen.
44:32
Während sie nun damals weiter daran arbeiten, zumindest die Mittäter Peter Nusser sowie Armin Hockauf und Siegfried Träger wegen der Auftragsmorde vor Gericht zu bringen, beginnen zeitgleich die Ermittlungen zur Tötung von Staatsanwalt Wolfgang Bistri.
44:48
Bistri hinterlässt eine Frau und natürlich hat auch sie ein besonderes Anrecht darauf, zu erfahren, wie Werner Pinzner an die Waffe gekommen war, mit der er ihren Mann getötet hatte.
44:59
Die Vermutung liegt damals nahe, dass Pinzners Ehefrau Jutta den Revolver mit aufs Revier gebracht hat.
45:06
Doch welche Rolle spielt Pinzners Anwältin hierbei? Bereits am Tag nach den Schüssen im Präsidium lädt diese Journalisten vor ihre Villa im Hamburger Norden. Vor den Mikrofonen erklärt sie, bestürzt zu sein über die Geschehnisse und nichts von den Plänen ihres Mandanten geahnt zu haben.
45:24
Doch nur wenige Tage nach der Tat sichtet der zuständige Staatsanwalt die sichergestellten Schriftstücke aus Pinsners Zelle. Er findet dabei Tagebücher und Briefe, die sich das Ehepaar Pinsner in den Monaten der Untersuchungshaft hin- und hergeschrieben hatte. Daraus geht hervor, Werner Pinsner hatte die Schüsse im Präsidium von langer Hand geplant.
45:47
Schon früh nach seiner Verhaftung gibt er seiner Frau in Briefen zu verstehen, dass er nicht bereit sei, noch einmal für längere Zeit ins Gefängnis zu gehen. Und Jutta Pinsner? Die ist ihrem Mann geradezu hörig. Sie ist offenbar schnell bereit, alles für ihren Mucki zu tun, auch mit ihm in den Tod zu gehen.
46:08
In den Einträgen und Briefen taucht aber auch der Name von Werner Pinsners Anwältin immer wieder auf.
46:15
Die Ermittler erfahren, dass sie bei ihren mehr als 70 Besuchen nicht nur die Briefe des Ehepaares in die Haftanstalt hinein und hinaus geschmuggelt hat. Sie bringt Pinzner auch immer wieder Drogen mit in seine Zelle. Und noch etwas geht aus den Einträgen hervor und das wiegt schwer. Die Anwältin ist es, die im Juli 1986 für Werner Pinzner die geforderte Waffe besorgt hat.
46:40
Dafür nimmt sie Kontakt zu mehreren Kiezgrößen aus dem Umfeld von Peter Nusse auf. Die helfen gern, denn sie haben, so werden es spätere Ermittlungen ergeben, nach wie vor ein Interesse daran, Pinsner zum Schweigen zu bringen, um ihre eigenen Verwicklungen in die Auftragsmorde unter den Teppich zu kehren. Das Wissen um seine Auftraggeber soll der St. Pauli-Killer mit ins Grab nehmen.
47:05
Bei gemeinsamen Treffen, so ist es in Pinzners Tagebuch festgehalten, probt die Anwältin später außerdem mit Jutta Pinzner, wie diese die Waffe am besten ins Präsidium schmuggeln kann. Sie solle sie in ein Geschirrtuch wickeln und dann unter einem ausladenden Rock in ihrem Slip verstecken. Dann, rät die Anwältin, solle Jutta Pinzner den Revolver auf der Toilette in ihrer Handtasche umpacken, damit ihr Mann sie im Vernehmungszimmer schnell greifen könne.
47:36
Pinsner glaubt, mit den Schüssen und seinem anschließenden Suizid einen letzten großen Auftritt hinzulegen. Dass aber eine Rechtsanwältin dabei nicht nur Mitwisserin war, sondern die Waffe selbst beschafft und das Vorgehen Jutta und Werner Pinsners an jenem Tag geradezu orchestriert hat, ist ein Schock für alle Beteiligten. Und es wirft die Frage auf, warum hat sie das getan?
48:04
Herr Bauer, Herr van Oesting, in der Presse hieß es später, die damals 39-jährige Anwältin sei Pinsner ähnlich wie seine Frau geradezu verfallen gewesen. Es gab auch Gerüchte über eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und ihrem Mandanten. Später vor Gericht sprach ein psychiatrischer Gutachter von einer Art Helfer-Syndrom, dass die Anwältin sich also so sehr mit Jutta Pinsner identifiziert habe und deren Wunsch ihrem Mann eine erneute Haft zu ersparen, dass sie bereit war, alles für das Paar zu tun.
48:37
Klar ist jedenfalls, dass sie sich von Pinzner für seine Zwecke einspannen ließ. Aber was glauben Sie, warum hat sie das getan?
48:45
Ich kann es auch nicht sagen, was sie angetrieben hat, aber Helfer-Syndrom ist mir zu einfach. Natürlich hat sie sich erpressbar gemacht, indem sie für Pinzner Drogen in die Haft geschmuggelt hat.
48:58
Pinzner hätte sie jederzeit verpfeifen können.
49:01
Und ich glaube, es ging um Geld. Die Anwältin hat noch am Tage vor Pinsners Festnahme mit einem Fotoreporter einen Deal gemacht. Dabei ging es um 15.000 Mark für Bilder und Informationen. Sie schien sich mehr um die Vermarktung des Falles zu kümmern, als um Pinsners Verteidigung. Später wurde auch eine Vereinbarung publik, die sie mit Pinsner geschlossen hatte. Und zwar die Übertragung von Nutzungsrechten an Pinsners Lebensgeschichte.
49:30
An Filmen, an Büchern über den Fall hätte die Anwältin richtig Geld verdient. Sie wollte wohl am letzten Vernehmungstermin, also am Tag, wo die Schüsse fielen, sogar eine Kamera mitbringen. Aber das hat selbst Pinsner als zu krass empfunden.
49:46
Ja, es ist wirklich unfassbar. Es gab ja aber im Nachgang des 29. Juli 1986 auch schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Es hieß, sie seien Pinsner bei seinen Forderungen zu sehr entgegengekommen.
50:00
Da stand die Frage im Raum, wieso Jutta Pinzner überhaupt bei den Befragungen dabei sein durfte und wie es ihr und Pinzners Anwältin gelingen konnte, die Waffe ins Präsidium zu schmuggeln. Eine berechtigte Frage aus Ihrer Sicht, Herr van Oosting?
50:16
Natürlich ist die Frage berechtigt. Mit dieser Frage mussten wir uns natürlich auch beschäftigen, allein schon aus Respekt vor Wolfgang Bistris Ehefrau, der wir das ja auch beantworten mussten.
50:29
Aber man muss dazu sagen, die damaligen Sicherheitsstandards waren nicht besonders hoch. Sie sind nicht mit den heutigen vergleichbar. Das Polizeipräsidium war damals kein Hochsicherheitstrakt. Durchsuchungen von Besuchern mit einer Metallsonde waren noch kein Standard. Ich hatte das zu einem früheren Zeitpunkt angeregt. Das war aber verworfen worden. Jutta Punzner wurde, wenn sie durchsucht wurde, händisch durchsucht.
51:02
Sie hatte aber die Waffe im Schritt versteckt. Da wurde sie nicht abgetastet.
51:07
Die Frage nach möglichen Sicherheitsmängeln wurde öffentlich heftig diskutiert. Wenige Wochen nach der Tat im Polizeipräsidium kam es dann auch zu politischen Konsequenzen. Am 6. August 1986 traten wegen des Skandals die zwei Hamburger Senatoren für Inneres und Justiz zurück. Rolf Lange und Eva Leithäuser, beide von der SPD.
51:31
Insbesondere Eva Leithäuser war als Justizsenatorin für einen liberalen Strafvollzug eingetreten und stand nun in der Kritik. Die SPD, die bei den kurz darauf anstehenden Bürgerschaftswahlen in Hamburg laut Umfragen zuvor noch eindeutig vorn gelegen hatte, wurde nach dem Mord an Wolfgang Bistri nur noch zweitstärkste Kraft hinter der CDU. Politisch hat der Fall Pinsner also viele Stimmen und vor allem viel Vertrauen gekostet.
51:59
Eine weitere Folge war, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Strafvollzug nach dem 29. Juli 1986 deutlich erhöht wurden. Im Hamburger Polizeipräsidium wurden moderne Sicherheitsschleusen installiert. Zeitweise mussten sich Strafverteidiger bei Besuchen ihrer Mandanten in Haftanstalten einer generellen Leibesvisitation unterziehen lassen. Diese Maßnahme wurde erst nach heftigen Protesten wieder entschärft.
52:29
Herr van Oosting, was meinen Sie, hätten all diese Maßnahmen die Tat verhindern können?
52:34
Wahrscheinlich hätten die neuen Sicherheitsvorkehrungen, die im Nachhinein in Kraft traten, das tatsächlich verhindert. Aber ich muss noch einmal klarstellen, wir sind hier von einer Rechtsanwältin, einem Organ der Rechtspflege, überlistet worden.
52:53
Sie hat sich mit Verbrechern der organisierten Kriminalität eingelassen. Damit stellte sie eine absolute Ausnahme dar. Aber hier war eine Strafverteidigerin bereit, das Vertrauen, das die Gesellschaft in sie gesetzt hat, zu missbrauchen.
53:11
Damit konnte man nicht rechnen.
53:13
Und ganz wesentlich kam hinzu, dass die Anwältin und Wolfgang Bistri ein besonderes Vertrauensverhältnis hatten. Die kannten sich bereits aus dem gemeinsamen Studium. Da ahnt man nicht, dass die Person einen so hintergehen würde.
53:29
Am 1. August 1986 erging schließlich ein Haftbefehl gegen Werner Pinzners ehemalige Verteidigerin.
53:37
Die Staatsanwaltschaft erhob später Anklage, unter anderem wegen Mordes, zweier Mordversuche und einer Tötung auf Verlangen.
53:46
Vom Landgericht Hamburg wurde sie dann aber am 30. Juni 1988 nur wegen fahrlässiger Tötung und Beihilfe zur Tötung auf Verlangen verurteilt, zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Das Gericht war der Einschätzung des Gutachters gefolgt, wonach die Verteidigerin aus einer Art Helfersyndrom heraus gehandelt habe. Sie waren damals als Nebenkläger am Verfahren beteiligt, Herr van Oosting. Wie haben Sie das Urteil aufgenommen?
54:15
Wir waren damals alle zur Urteilsverkündung im Gericht, also die gesamte Soko, auch Herr Bauer.
54:22
Ja, ich weiß noch, wie ich nach dem Urteil zu einem Reporter gesagt habe, das ist ein Skandal. Allerdings muss ich dazu sagen, ich war um Müllbaum in Begleitung von Frau Bistri. Und der Reporter wollte Frau Bistri befragen und da habe ich sie einfach ein bisschen zur Seite geschoben und habe das dann so gesagt. Denn wenn der Reporter sie interviewt hätte und jeder hätte erkannt oder viele hätten erkannt, wer sie war, wäre das wohl schon nicht so gut gewesen.
54:50
Und ich meine, der Skandalvorwurf trifft durchaus zu. Wir waren alle erschüttert von dem milden Urteil. Aber es hat ja nicht gehalten.
54:59
Der Bundesgerichtshof hat das Urteil bald im Rahmen eines Revisionsverfahrens gekippt und es musste neu verhandelt werden. Sie wurde dann wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Und das trifft es aus meiner Sicht besser.
55:17
Im ersten Verfahren hatte die Anwältin noch geschwiegen. Im zweiten hatte sie dann behauptet, sie habe die Waffe zwar beschafft, aber immer geglaubt, sie sei nur für den gemeinsamen Suizid der Pinsners gedacht gewesen. Sonst habe niemand zu Schaden kommen sollen. Halten Sie das für glaubhaft?
55:35
Nein, absolut nicht. Für Selbstmord, für ein Selbstmord des Ehepaares hätte es nur zwei Schuss gebraucht.
55:43
Die Munition hätte aber gereicht, um uns alle zu töten. Außerdem, sie wusste, sie hatte es mit einem Berufsmörder zu tun. Da kann man nicht ernsthaft erhaupten, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass andere zu Schaden kommen könnten.
55:59
Sechseinhalb Jahre Haft, so lautete abschließend das Urteil. Außerdem wurde ihr die Anwaltszulassung entzogen, allerdings nur für fünf Jahre. Schon aus der Haft heraus hat sie wieder begonnen, als Justiziarin zu arbeiten. Später war sie nach allem, was man weiß, unter anderem Namen, wieder als Anwältin tätig. Können Sie Pinsners ehemalige Strafverteidigerin verzeihen, was sie zu verantworten hat?
56:25
Nein, das muss ich aber auch nicht. Ich bin nicht von Rache getrieben. Ich will diese Frau nicht im Nachhinein zerstören. Sie hat sich aus Hamburg zurückgezogen und ein neues Leben in der Provinz angefangen. Sie muss mit dem Geschehenen selbstfertig werden.
56:42
Aber als Organ der Rechtspflege und auch als Studienkollegin Wolfgang Bistris hat sie total versagt.
56:50
Beihilfe ist die mildeste Form der Mittäterschaft, aber letztendlich ist es Mord. Sie ist damit laut Urteil eine Mörderin und das finde ich auch richtig. Ohne sie wäre die Tat nie möglich gewesen. Sie hätte sie bis zum Schluss verhindern können. Sie hatte alles in der Hand, aber sie hätte es nicht getan.
57:10
Der Prozess gegen Pinsners Anwältin ist nur einer von vielen, zu denen es in den folgenden Jahren rund um den Komplex des sogenannten St. Paulikilas kommt. Zentral ist dabei natürlich das Verfahren gegen die Mittäter Werner Pinsners bei den Kiezmorden, das im September 1987 beginnt. Auf der Anklagebank Peter Nusser, der mutmaßliche Auftraggeber, sowie die mutmaßlichen Komplizen Armin Hockauf und Siegfried Träger.
57:39
Die Verteidiger der Angeklagten versuchen damals, die belastenden Aussagen, die Werner Pinsner während der vielen Vernehmungen getätigt hat, zu diskreditieren. Sie verweisen auf die Vergünstigungen, die Pinsner als Zeuge erhalten hat, und bezeichnen sie als unzulässige Vernehmungsmethoden. Und sie behaupten, aufgrund von Pinsners Drogenkonsum seien dessen Aussagen ohnehin wertlos.
58:04
Das Gericht folgt dem aber nicht. Zu konstant seien Pinsners Aussagen, zu viele Indizien stützen sie aus Sicht der Kammer. Hinzu kommen die Aussagen des zweiten Kronzeugen Gerd Gabriel. Im Februar 1989 werden die drei Angeklagten jeweils wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
58:26
Das Ganze ist nun heute, zum Zeitpunkt unserer Aufnahme, 40 Jahre her. Die Täter haben ihre Strafen dementsprechend längst verbüßt. Peter Nusser, der Drahtzieher der Morde, kam im Jahr 2000 frei. Nach 14 Jahren Haft wurde er in sein Heimatland Österreich ausgewiesen. Unter der Auflage, nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren, wurde von der Vollstreckung der Reststrafe abgesehen.
58:51
2022 wurde Nusser allerdings am Frankfurter Flughafen erneut festgenommen. Der nun 71-Jährige war bei einer Reise von der Dominikanischen Republik nach Wien in Deutschland zwischengelandet. Nachdem er kurzzeitig wieder in Haft kam, entschieden die Behörden jedoch, die ehemalige Kiezgröße wieder nach Österreich ausreisen zu lassen.
59:16
Herr Bauer, Herr van Oosting, Sie haben in den Monaten und Jahren nach dem 29. Juli 1986 noch in diversen Folgeverfahren als Zeugen ausgesagt und Ihre Ermittlungen vorgelegt. In dem Prozess gegen Nusser und die anderen Mittäter natürlich, aber unter anderem wurden auch noch die Hintermänner verurteilt, die Pinzners Anwältin die Waffe für die Tötung Wolfgang Bistris besorgt hatten.
59:43
Genug Stoff, um noch viele weitere Podcast-Folgen zu füllen. Vielleicht aber zum Abschluss die Frage, Herr Bauer, was ist Ihre Bilanz aus dieser Zeit und der Arbeit in der Soko 855?
59:57
Ja, ich kann das vielleicht mal so sagen. Ich habe 257 Verfahren, die aus diesem Komplex hervorgegangen sind, eingeleitet. Das konnte man selber ja gar nicht bearbeiten. Das mussten die zuständigen Dienststelle machen.
60:12
Damals gab es bei der Soko einen neuen Kopierer. Da musste man noch jede einzelne Seite kopieren. Also Klappe hoch, Liefer hin und her und Klappe zu. Nach einem Jahr stand da die Nummer 44.000.
60:25
Da habe ich dann aufgehört zu zählen. Ich war einmal im Keller im Präsidium. Es gab 55 laufende Meter Ordner. Das waren unsere Aktien.
60:34
Tja, da kann man sagen, eine Bilanz in Zahlen. Ja, und wie sehen Sie das, beziehungsweise wie beurteilen Sie das abschließend, Herr von Osting?
60:43
Für mich markiert der Tatkomplex bei aller Tragik auch eine Zeitenwende. Ich persönlich habe sehr viel daraus gelernt, aber ich glaube auch die Organisation der Hamburger Polizei. Es ist ja aus diesen Erkenntnissen des Verfahrens ein neues Sicherheitskonzept entstanden, aber auch die Weiterentwicklung des Zeugenschutzes. Ohnehin war Hamburg ja das erste Bundesland mit einer Zeugenschutzdienststelle als Folge der Einrichtung der FT65.
61:15
Das Ganze wirkt also bis heute nach.
61:18
Ja, ein gutes Schlusswort. Damit sind wir auch am Ende der heutigen Folge. Max van Oesting, Rolf Bauer, wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, dass Sie zu uns ins Studio gekommen sind.
61:29
Ja, ich bedanke mich auch und sage Tschüss.
61:31
Ja, vielen Dank und bis zum nächsten Mal.
61:35
Schön, dass Sie hier waren. Danke auch an Lale Arthun, Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende vielen Dank auch an euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY. Unvergessene Verbrechen. Und ganz wichtig wie immer, bleibt sicher.
61:50
An dieser Folge mitgearbeitet haben Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Sebastian Muxeneder. Die Regie hatte David Gromer und die Redaktion im ZDF Sonja Roy und Kirsten Zilonka. Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören. Den Link dazu wie auch alle Infos zu dieser Folge findet ihr wie immer in den Shownotes.
62:14
Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen, eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.